In tiefer Trauer

Weil am 20. Januar 2015 die Grundstücke Beim Farenland 42-46 dem Erdboden gleichgemacht wurden. Über 60 Bäume, viele Großsträucher und unzählige Junggehölze sind binnen Stunden abgeholzt worden.

Weil viele Tiere im Winterschlaf im Unterholz umkommen werden oder schon umgekommen sind. „Ein Biologe überwacht die Bauarbeiten vor Ort, um evtl. Igel o.ä. retten zu können, die in den Holzstapeln schlafen“, so vertröstet die Abteilung Naturschutz – Artenschutz der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in einer Mail vom 20. Januar 2015 vom Schreibtisch aus. Wir haben kontrolliert: Am 20. Januar 2015 war von mittags bis abends kein Biologe anwesend, während ein Bagger des Abbruchunternehmens Henry Dohrn fast die gesamte Grundstücksfläche befuhr, Bäume ausriss, umfuhr und einen Bunker abriss. Kein Tier wurde gerettet.

Weil ein wichtiger Raum für die Natur verlorengeht.

Weil die Natur keine Fürsprecher hat. SPD und Grüne fühlen sich bei diesem Bauvorhaben (und vielen anderen) nicht an das in ihrem Bezirks-Koalitionsvertrag zugesagte ökologisch und nachhaltige Bauen gebunden.

Weil bei Einhaltung der baurechtlichen Vorschriften (Anteil der bebauten Fläche) ein nennenswerter Anteil der Bäume hätte gerettet werden können. Stattdessen beruft sich das Bezirksamt Wandsbek auf Gleichbehandlung mit ungleichen Fällen von Flächenüberschreitungen bei deutlich kleineren Grundstücken.

Weil die Verwaltung rigoros an Nachbarn vorbei Interessen von Bauherren durchboxt. Nachbarn dürfen sich nur in den wenigen Fällen zu Wort melden, in denen das Gesetz eine formelle Beteiligung vorsieht, wobei diese auch noch zu eng ausgelegt werden. Das verzweifelte Ringen der Nachbarn um Information und nach einem Gespräch qualifizierte Sigrid Vossers, Fachamtsleiterin des Zentrums für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt (WBZ) in ihrem Schreiben vom 11. November 2014 als „eigennützige Bemühungen“ ab. Das führt zu Ohnmacht, Verlust von Vertrauen und einer tiefen Kluft zwischen der Staatsgewalt und den betroffenen Bürgern.

Weil wir unsere Heimat verlieren. Baurecht soll befrieden. Das großzügige Hinwegsetzen der Verwaltung über bauliche Beschränkungen verursacht dauerhaft Konflikte und entwurzelt – nicht nur die Bäume.

Bildnachweis: A. Dreher / pixelio.de

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Ein Gedanke zu “In tiefer Trauer

  1. Während wir das professionelle Beseitigen der Baumleichen zwangsläufig beobachten und uns an das Leben mit dem Gesang der Motorsäge gewöhnen müssen, entstehen im Kopf immer wieder diese Fragen:

      1. Gibt es ein „Recht im Unrecht“? Was ist mit dem Grundsatz „Treu und Glauben“?
      2. Warum hat die zuständige Behörde die langsame Aufweichung der vergrößerten bebauten Flächen, von vorgeschriebenen 20 % in den vergangenen Jahren gestattet?
      3. Wie ist das, was hier geschieht und vorausgehend bewilligt wurde, mit dem „rechtmäßigen Handeln“ einer Kontrollbehörde zu vereinbaren?
      4. Warum gibt es Regelungen wie eine GRZ von 0,2 (20 % versiegelte Fläche), wenn sich niemand daran hält?
      5. Welche minimale Grundfläche wird zukünftig bei der Planung von Einzel- oder Doppelhausbebauung aus städtebaulicher Sicht für angemessen angesehen. Was ist vertretbar, ohne dass wir eine „Enge wie in Asien“ erreichen?
      6. Werden die umfangreichen geplanten Ersatzpflanzungen tatsächlich ausgeführt oder sind diese Versprechungen nur auf einem Papier geschrieben, um das Baugenehmigungsverfahren voranzutreiben?
      7. Wie werden sich die neuen Nachbarn mit jeweils einer 4 qm großen Terrasse (max. genehmigte Versiegelungsfläche) arrangieren?
      8. Ist es tatsächlich möglich, dass nur jeweils ein PKW pro Wohneinheit auf dem Grundstück abgestelllt werden wird?
      9. Hätte ich als Anwohnerin schon vor 30 Jahren mit einer regelmäßigen Kontrolle der Nachbarn im Baufeld beginnen müssen, um eine derartig massive Bebauung wirksam zu verhindern?

    …und meine vorerst letzte, nicht mehr so ernste Frage geht an den Herrn Diplom-Biologen mit seinem ungewöhnlich unprofessionellen Artenschutzgutachten, in dem er u.a. Insektenhotels vorgeschlagen hatte:
    10. Wann und wo findet der von ihm geleitete Kurs „Wir bauen ein Insektenhotel für ausquartierte Ohrenkneifer und Marienkäfer“ statt?

    Es ist für mich sehr wenig nachvollziehbar, wie ein „lesender“ Mitarbeiter der Behörde aufgrund eines solchen „Gutachtens“ eine Genehmigung erteilen konnte.

    Im Moment sind wir alle, auch die schweigsameren und netten Nachbarn unter uns, sehr betroffen. Es wird ein wenig dauern, dass wir uns an die Veränderung des Umfelds gewöhnen. Die Feststellung, dass dieser Einzelfall nicht genauer betrachtet und bewertet wurde, wird nachhaltiger wirken! Das „Gleiche“ ist eben nicht das „Selbe“!

    Ute Schepers

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