Toilettenpapierrolle mit Text Artenschutz-Gutachten

Artenschutz MISSachten per GUTachten

Wie kann ein fachlich mangelhaftes, offenkundig unzureichendes Artenschutzgutachten vom Bezirksamt als Grundlage für Fäll- und Baugenehmigung akzeptiert werden? Weil es anscheinend niemanden in der Behörde wirklich interessiert und als reine Formsache abgehakt wird. Bäume auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46 Vor der Rodung am 20. Januar 2015 waren die waldartigen, mit mehr als 60 zum Teil sehr alten Bäumen, Sträuchern und Junggehölzen bewachsenen knapp 5.500 qm großen Grundstücke Beim Farenland 42-46 ca. 30 Jahre weitgehend sich selbst überlassen. Auf den Grundstücken befanden sich im erheblichem Umfang liegendes und stehendes Totholz, Holzstapel und Höhlenbäume. Diese Fotos vermitteln einen Eindruck vom ursprünglichen Zustand. Nachbarn und der ehemalige Eigentümer haben viele Tiere beobachtet: u.a. verschiedene Fledermausarten, Siebenschläfer, Eichhörnchen, Igel, Waldeidechse, Erdkröte, Teichmolch, Gras- und Teichfrosch (Laichgewässer auf dem Grundstück und auf Nachbargrundstücken vorhanden), Waldkauz, Mittel-, Schwarz-, Grün- und Buntspecht, Gartenrotschwanz, Grauschnäpper, Mönchsgrasmücke, Haussperling, Kleiber, Schwanz-, Hauben-, Tannen-, Weidenmeise, Singdrossel, Türkentaube, Waldlaubsänger, Wald-, Gartenbaumläufer, Sommer-, Wintergoldhähnchen, Zaunkönig, Zeisig. [Die hervorgehobenen Tiere sind europäisch geschützt.]

Bei Bauvorhaben sind die Regeln des besonderen Tier- und Pflanzenartenschutzes (§ 44 BNatSchG) hinsichtlich europäisch geschützter Arten zu beachten: praktisch alle europäischen Vögel nach der Vogelschutzrichtlinie und Pflanzen und Tiere des Anhangs IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Verboten sind: 1) Tötung und Verletzung von Individuen; 2) Störung der lokalen Population (keine Verschlechterung des Erhaltungszustands); 3) Beschädigung/Zerstörung von Fortpflanzungs- oder Ruhestätten. Das gilt nicht, wenn die ökologische Funktion im räumlichen Zusammenhang weiterhin erfüllt wird; 4) Beschädigung/Zerstörung von Pflanzen oder Pflanzenstandorten.

Wann ist eine Artenschutzprüfung erforderlich?

Der ehemalige Zustand der Grundstücke mit vielen Bäumen, Totholz, Baumhöhlen und alten Gebäuden ließ wahrscheinlich erscheinen, dass geschützte Arten oder ihre geschützten Lebensstätten auf den Grundstücken vorhanden sind. Zur Feststellung musste deshalb eine Artenschutzprüfung durchgeführt werden. Die Bürgerinitiative hatte frühzeitig darauf hingewiesen, damit hier überhaupt etwas passiert. Deniz Karaday und Olav Henry Dohrn konzentrierten sich auf die vollständige Freimachung des Grundstücks. Ihre im September 2014 mit dem Fällantrag für sämtliche Bäume beim Bezirksamt eingereichte Baumerfassung war lausig und lückenhaft. Auch ihr Partner EdelSteinhaus machte Druck bei der Behörde zur Beschleunigung der Fällgenehmigung. Mit Artenschutz hatten die Baubeteiligten hingegen nichts am Hut. Mehrfach musste das Naturschutzreferat die Bauherren auffordern, ein Artenschutzgutachten vorzulegen, zuletzt Ende Oktober 2014. So machten diese sich gezwungenermaßen auf die Suche nach einem Gutachter für das Artenschutzgutachten. Bereits am 3. November 2014 fand die erste Begehung durch den beauftragten Biologen statt. Der ist zwar kein von der BSU empfohlener Artenschutzprüfer. Das macht aber nichts, denn sowohl das Bezirksamt Wandsbek (untere Naturschutzbehörde) und als auch die BSU (Oberste Naturschutzbehörde) akzeptieren auch andere Gutachter, sogar unabhängig von ihrer Erfahrung oder der Qualität ihrer Gutachten.

Das „Artenschutzgutachten“

Eine Artenschutzprüfung soll abklären, ob geschützte Arten oder ihre Lebensstätten (Fortpflanzungs- und Ruhestätten) auf den Grundstücken vorhanden und von dem Bauvorhaben betroffen sein können. Selbstverständlich ist, dass eine Artenschutzprüfung eine ökologische und keine gärtnerische Untersuchung ist. In seinem katastrophalen, nur zweiseitigen „Gutachten“ vom 1. Dezember 2014 zieht der Biologe gleich zu Beginn eine Art Fazit im Sinne der Bauherren:

Auch um die weitere Verwahrlosung des Gartengeländes zu verhindern, bietet sich die Bebauung an, da auf dem Grundstück schon eine Vermüllung mit Gartenabfällen aus den Nachbargrundstücken festzustellen ist.“

Unterschlupf für Tiere auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46
So genannter „Müll“

Eine Wahrnehmung, die sich niemandem erschließt, der die Grundstücke jemals gesehen hat, die Beschreibung ist schlicht falsch und fachlich unqualifiziert. Mit dem „Müll“ – eine erstaunliche Wortwahl für einen Biologen – meint er offenbar alte, schon teilweise in Humus übergegangene Komposthaufen des ehemaligen Eigentümers. Identische falsche Verdächtigungen ins Blaue hinein kamen auch von Olav Henry Dohrn auf der Website der Bürgerinitiative. Der Biologe trifft in seinem „Gutachten“ noch weitere abenteuerliche, ökologisch neben der Sache liegende Feststellungen:

  • Der Garten ist nicht bewirtschaftet und gepflegt, abgestorbene Äste sind nicht entfernt worden.
  • Beetumrandungen sind verschwunden.
  • Ursprüngliche Rasenflächen sind kaum noch mit Gras bedeckt.
  • Die Nadelbäume beschatten einen großen Teil des Grundstücks. Dadurch ist kaum Unterwuchs möglich.
  • Die Flächen können durch sinnvoll angelegte neue Gärten aufgewertet werden. Ein Lebensraum für standorttypische Arten kann dadurch geschaffen werden, dass man die Ruderalfläche in bewirtschaftetes sonniges Gartengelände zurückführt.
  • Die geplante Entwicklung des Geländes ist aus biologischer Sicht zu befürworten.

Der Gutachter empfiehlt also mit anderen Worten die „Aufwertung“ des schattigen, ungepflegten Geländes in sonnige und baumfreie Gartenflächen. Leider wird es bei der geplanten Kleinst-Parzellierung und dichten Bebauung keine nennenswerten Gartenflächen geben. Seine Bewertung waldiger Standorte ist grotesk. Da kann man nur hoffen, dass der tüchtige Biologe nicht einmal die besonders schattigen Buchenwälder beurteilen muss und damit etwa dem UNESCO-Weltnaturerbe im Müritz Nationalpark per Gutachten den Garaus macht …


So etwas Schlechtes habe ich noch nie gesehen!

So urteilte eine erfahrene Artenschutzprüferin über das „Gutachten“. Das sei eine Schande für den ganzen Berufsstand.


Der Gutachter stützt seine Beobachtungen auf vier Begehungen am 3., 8., 22. und 28. November 2014. Seriöse Artenschutzprüfer lehnen eine auf den November beschränkte Prüfung ab. Gesehen haben will er nur sieben ubiquitäre Vogelarten (Rabenkrähe, Ringeltaube, Eichelhäher, Elster, Schwarzdrossel, Rotkehlchen, Kohlmeise), Eichhörnchen und die Hausratte. Dass letztere gemeinhin als ausgestorben gilt und er wohl die Wanderratte meinte, ist nur ein Randaspekt angesichts der groben Fehler und Versäumnisse des „Gutachtens“. Zugvögel und Tiere in Winterquartieren konnte er natürlich nicht antreffen, worauf er mit keinem Wort eingeht. Dass er die früher regelmäßig auf den Grundstücken zu sehenden Spechte und anderen Vögel nicht entdecken konnte, verwundert nicht. Das „Gutachten“ strotzt nur so von Fehlern und Widersprüchen:

  • Die Grundstücke befinden sich nicht in einem Schutzgebiet der Vogelschutz- oder Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Das ist per se richtig, nur erschöpft sich darin nicht der Schutz der Richtlinien. Das Schutzregime der Richtlinien besteht aus zwei Säulen: 1) der Erhaltung von Habitaten durch die Errichtung von Schutzgebieten und 2) dem Schutz der genannten Arten und bestimmten Lebensstätten ohne geografische Einschränkung (also auch außerhalb der Schutzgebiete).

Alter Gartenteich auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46
Alter Gartenteich … voller Wasser
  • Das mit Laub gefüllte Wasserbecken steht Amphibien nicht zur Verfügung.

Das Becken war nicht trocken. Äste erleichterten den Ein- und Ausstieg. Folglich erfüllte es seine Funktion als Laichgewässer.

  • Es gibt dort keine Nistmöglichkeiten für höhlenbrütende Vögel oder Fledermäuse. Nester im Unterwuchs hat er nicht gesehen.

Irrtum, es gab diverse Baumhöhlen sowie eine Vielzahl an Nistplätzen am Boden, in den Sträuchern und Bäumen. Kobel hat er natürlich auch nicht gesehen, das Totholz nicht berücksichtigt. Andererseits führt er aus

  • dass Insektenhotels den Verlust diverser toter Bäume ausgleichen und
  • dass  keine besonderen Nahrungsangebote vorhanden sind, die nicht durch die neuen Gärten ersetzt werden.

Eine sonderbare Feststellung angesichts der vielen vorhandenen Brombeersträucher, Holunder, Hasel und Obstbäume. Heute, nach dem Kahlschlag, herrscht auf den Grundstücken tatsächlich die im „Gutachten“ beschriebene Artenarmut. Manchmal sind noch die beiden Ringeltauben dort anzutreffen, wo einmal der Baum mit ihrem Nest stand. Dabei hatte doch Olav Henry Dohrn so vollmundig versprochen „Kein Tier und kein Baum wird verdrängt“.

Sachkundige Prüfung oder Narrenfreiheit?

Wie konnte das Bezirksamt ein „Gutachten“ akzeptieren, das so offenkundig fehlerhaft ist? Diese Sachkunde dürfte man vom WBZ und insbesondere dem Naturschutzreferat erwarten. Bei den aufgelisteten Tieren hat jemand handschriftlich „Igel?“ angemerkt. Bei dieser Notiz hat man es dann aber auch bewenden lassen, schließlich bestätigt der Gutachter doch, „dass von einer Gefährdung geschützter Arten nicht auszugehen ist.“ Das wird gern vom Sachbearbeiter mit einer Markierung versehen – und schon ist man fertig. Dabei gilt auch hier der Amtsermittlungsgrundsatz.

Fachaufsichtsbeschwerde

Unsere Fachaufsichtsbeschwerde vom 7. Januar 2015 beanstandet die gravierenden Mängel des „Artenschutzgutachtens“. Ohne diesen Rechtsbehelf wäre es die einzige Grundlage für die Fällgenehmigung geblieben. Am 13. Januar 2015 teilte uns die Abteilung Naturschutz – Artenschutz der BSU mit, dass sich Bezirksamt Wandsbek und die BSU darauf verständigt hätten, „dass das Grundstück Farenland 42 vor der Baumfällung nochmals artenschutzrechtlich überprüft wird, um auszuschließen, dass geschützte Arten zu schaden kommen. Das Ergebnis können Sie beim Bezirksamt erfragen.“ Schild Zutritt verbotenSeit dem 20. Januar 2015 versuchen wir vom Bezirksamt Wandsbek und dem Amt für Natur- und Ressourcenschutz Informationen über die Nachbegutachtungen zwischen 13. und 20. Januar 2015, das neue oder ergänzte Artenschutzgutachten und einen Bericht der von der BSU durchgeführten Prüfung zu bekommen. Bisher wird uns dies verweigert, siehe unser Schreiben vom 8. Februar 2015. [Update: inzwischen hat die BSU Informationen zur Verfügung gestellt.]

Weil die Behörde es sagt … Basta!

Wenn stattdessen Sigrid Vossers, Fachamtsleiterin des WBZ des Bezirksamts Wandsbek am 22. Januar 2015 schreibt: „Die von Ihnen wiederholt vorgebrachten artenschutzrechtlichen Tatbestände existieren so schlicht nicht. Das hat Ihnen die BSU ebenfalls mitgeteilt“, dann muss das qua amtlicher Deutungshoheit ja wohl so sein. Das Bezirksamt Wandsbek war ja schon mit dem „Gutachten“ vom 1. Dezember 2014 zufrieden. Und was zählen schon fotografische Belege und jahrelange Beobachtungen von Bewohnern und Nachbarn der Grundstücke gegen eine zementierte Behördenmeinung und ein schlampiges Gutachten.

Skandalös: Keine ausreichende Fällbegleitung durch Biologen

Bagger beim Abholzen Beim Farenland 42-46
Foto: Rainer Glitz

Die Fällgenehmigung enthält keine artenschutzrechtlichen Auflagen. Wozu auch, die im November im Winterquartier befindlichen Tiere – wie etwa Igel – wurden ja nicht gesehen! Auch die (vielleicht nicht nachdrücklich genug?) gegenüber dem Bezirksamt geäußerte Bitte der BSU „Ein Biologe überwacht die Bauarbeiten vor Ort, um evtl. Igel o.ä. retten zu können, die in Holzstapeln schlafen“ ist nicht adäquat umgesetzt worden. Zumindest ab Mittag war kein Biologe anwesend. Dafür gibt es viele Zeugen. Ein Bagger, dirigiert von Olav Henry Dohrn, befuhr in dieser Zeit fast das gesamte Gelände, brach Bäume um und riss zwei Gebäude ab. Es ist unverantwortlich, dass das Bezirksamt Wandsbek, die BSU und die Bauherren nicht wenigstens dafür Sorge getragen haben, dass Tiere in den Winterquartieren gerettet wurden.

Bildnachweis (Titel): Peter Röhl / pixelio.de

Advertisements

Ein Gedanke zu “Artenschutz MISSachten per GUTachten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.