Stark wie ein Baum? Wie der Baumschutz beim Bauen auf der Strecke bleibt

Bäume und Hecken sind stets gefährdet, wenn gebaut wird. Nicht nur, wenn sie für den Bau von Häusern oder Straßen gleich gefällt werden. Mit der Ersatzpflanzung ist es häufig nicht weit her. Doch auch, wenn sie stehen bleiben dürfen, droht ihnen auf Baustellen und in deren Umfeld allerhand Ungemach: bedrängt von Baumaschinen, LKWs oder Baumaterial werden an Gehölzen viele Schäden angerichtet. Die einschlägigen Vorschriften zum Schutz und Ersatz von Bäumen und Hecken werden, soweit überhaupt bekannt, locker gehandhabt oder einfach ignoriert.

Bäumen und Hecken geht es an den Kragen. Welche Voraussetzungen für Fällungen gelten, was dabei zu berücksichtigen ist, dafür gibt es gesetzliche Regelungen. In Hamburg ist das die Baumschutzverordnung. Diese schützt Bäume und Hecken. Darüber hinaus sagt die Hamburgische Bauordnung in § 14 (4) klipp und klar, dass zu erhaltende Bäume und Hecken während der Bauausführung zu schützen sind. Dass die Bestimmungen vielfach nicht eingehalten werden, zeigt beispielhaft unsere Untersuchung des Falls Beim Farenland 42-46 in Hamburg Farmsen-Berne. Die Erfassung der Bäume war unvollständig, die Bewertung fehlerhaft, Umplanungen zum Erhalt von Bäumen gab es nicht. Im Ergebnis durften von den erfassten 56 (tatsächlich waren es mehr) überwiegend alten Bäumen bis auf drei alle gefällt werden, selbst auf zukünftigen Freiflächen. Und bis jetzt – zwei Jahre nach dem brutalen Kahlschlag im Januar 2015 – haben die Bauherren die ohnehin bescheidenen Ersatzpflanzungsauflagen immer noch nicht richtig erfüllt. Hierzu später.

Schädigung von Bäumen und Hecken ist Alltag beim Bau

Die amtlich genehmigten Fällungen sind nur der offensichtlichste Teil des Verlusts. Darüber hinaus gibt es eine hohe Dunkelziffer, einen nicht zu unterschätzenden schleichenden Baum- und Heckenschwund: durch illegale Rodungen, durch unterlassene Ersatzpflanzungen oder durch Schädigung von Gehölzen. Gerade letzteres wird deutlich unterschätzt. Was für Laien harmlos aussehen mag – im Wurzelbereich wird gegraben und gefahren, Baumaterial oder -schutt gelagert oder ein Toilettenhaus aufgestellt – führt nicht selten zu schwerwiegenden Schäden. Diese sind nicht immer gleich erkennbar, enden aber oft mit einer Schwächung oder dem Absterben der Gehölze. Der sprichwörtlich „starke Baum“ ist eben doch sehr empfindlich. In dem sehenswerten Film „Abgesägt – Stadtbäume in Not“ erläutert der Experte Bernhard von Ehren (ab Minute 20) anhand von Beispielen die Folgen von derartigen Eingriffen.

Baumschutz auf Baustellen ist klar geregelt

Die ZTV-Baumpflege 2006 und die DIN 18920 regeln den Baumschutz auf Baustellen. Gut verständlich stellt das Gartenamt Düsseldorf die Gefährdungen und erforderlichen Maßnahmen zum Schutz von Bäumen nach dieser DIN dar. Der empfindliche Wurzelbereich (Kronentraufe plus 1,50 m) muss von Eingriffen verschont bleiben, d. h. kein Befahren, keine Ablagerungen, kein Bodenabtrag, keine Aufschüttung und keine Verdichtung. Auch in Hamburg gilt die DIN 18920. Ein Merkblatt gibt es nicht, dafür entsprechende Auflagen zum Schutz von Bäumen und Hecken (auch solchen auf Nachbargrundstücken). Gut so – jedoch nicht für jeden restlos verständlich, nicht immer gelesen, nicht immer beachtet.

Zertifizierte Fachfirmen für Baumpflege müssen Eingriffe in den Gehölzbestand ausführen, und ein Baumsachverständiger muss regelmäßig während und nach Abschluss der Arbeiten der Behörde die ordnungsgemäße Umsetzung von Baumschutzmaßnahmen bescheinigen.

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Auszug aus der Fällgenehmigung „Beim Farenland 42-46“ vom 17.12.2014

So sollte das laufen. Eigentlich. Denn die Realität ist oft eine ganz andere. In der Praxis legen vielfach Bauarbeiter, selbsternannte Gärtner oder sonstige fachfremde Kräfte Hand an, denen die vorgeschriebenen baumschützenden Maßnahmen entweder unbekannt oder schlicht egal sind. Warum auch Fachleute mit diesen Aufgaben betrauen? Wozu das Geld dafür ausgeben, wenn die Einhaltung der Vorschriften ohnehin niemand kontrolliert? Verstöße gibt es viele.

Schädigungen oder ungenügende Ersatzpflanzungen – Beispiele aus Hamburg

1. Beim Farenland 42-46, Farmsen-Berne

Dieses Bauvorhaben nimmt in Sachen Baumfrevel eine traurige Spitzenposition ein. Die Fällarbeiten inklusive Entfernen der Stümpfe führte der Abbruchunternehmer Olav Henry Dohrn höchstpersönlich mit seinen Hilfskräften durch.

Neben dem Kahlschlag auf den eigenen Grundstücken erledigten die Bauherren auch gleich noch zwei grenznahe Fichten auf Nachbargrundstücken mit. Beide Bäume erhielten keinen Baumschutz. Mitarbeiter von Henry Dohrn haben wiederholt in ihrem Wurzelbereich gebaggert, u.a. um Stümpfe und Wurzeln von zwei illegal gerodeten Bäumen zu entfernen. Die Nachbarbäume sind wenige Monate nach den Eingriffen umgestürzt bzw. abgestorben.

Nur am Rande: Ob wohl Olav Henry Dohrn und Deniz Karaday für die von ihnen verursachten Schäden freiwillig aufzukommen gedenken? Offenbar nicht: Schreiben der Betroffenen ignorieren sie. Wenn die Verantwortlichen nicht gerade Abmahnungen verschicken (siehe auch hier und hier), reden sie nur ungern mit Anwohnern ihres Bauvorhabens.

Heckenvernichtung: „Das war der Gärtner“

F01_2041_1200Und der das Baugrundstück (mit Lücken) umschließende ca. 50 Jahre alten geschützten Hainbuchenhecke erging es nicht besser: An der rückwärtigen Grenze wurden ohne Not nach Abschluss der Bauarbeiten Teile während der Brutsaison rechtswidrig entfernt, um ganz dringend einen Zaun zu setzen; wohlgemerkt einen höchst effektiven Zaun nur an einer von vier Seiten des Teilgrundstücks. Und wer hat die Hecke herausgerissen? „Das war der Gärtner“, wie uns die verantwortlichen Bewohner in goldiger Unschuld mitteilten. Gärtner – was für ein verkommener Berufsstand: früher immer der Mörder, heute macht er sich ganz auf eigene Faust in fremden Gärten zu schaffen. Unfassbar!

Fromme Sprüche statt Ersatzpflanzen

Vollmundig erklärten die Nachbarn auf dieser Webseite am 2. Mai 2016 in einem Kommentar zur Zerstörung der Hecke „wir [werden] bald umlaufend am Grundstück eine heimische Hecke pflanzen (auch vor dem Zaun) sowie zwei Bäume als Ausgleichsbepflanzung. Gerne nehmen wir Hinweise bzgl. weiterer Vorgaben hierzu und zu anderen Themen entgegen.“ Klingt gut. Schon bald darauf jedoch versiegelten sie rund 10 m² des kleinen Gartens mit einem Gartenhaus, genau dort, wo ein Baum und an zwei Seiten umlaufende f01_2223_1200Hecken anzupflanzen sind. Mit der Entgegennahme von Hinweisen und der baldigen Ersatzpflanzung war es dann auch nicht mehr weit her. Nicht überraschend, hatten sie uns ja deutlich gesagt: „Gedulden Sie sich gefälligst!“ (wortwörtliches Zitat).

[Update:] Im März 2017 haben die Nachbarn das Gartenhaus verschoben und Hecken sowie zwei Bäume gepflanzt. Was lange währt wurde nicht gut: Hecke zu klein und nicht umlaufend, Baumstandorte und -größen des Freiflächenplans nicht beachtet.       

Auch an der Straßenfront Beim Farenland wurden für eine große gepflasterte Fläche direkt neben dem Bürgersteig und der Nachbargrenze, statt Lücken zu schließen, Heckenpflanzen herausgerissen und verpflanzt. Heute steht dort eine schmucke Bretterwand. Haufenweise Müll und Bauschutt wurden lange Zeit im Wurzelbereich abgelagert.

Gesamtbilanz der Ersatzpflanzungen ernüchternd

Insgesamt sieht es mit den Ersatzpflanzungen düster aus. Die Baumaßnahmen sind seit 2016 abgeschlossen. Die Außenanlagen sind fertig, jedenfalls die großen Pflasterflächen, Terrassen und vielen Gartenhäuser. Man muss halt Prioritäten setzen. Von den 24 Ersatzbäumen hingegen sind zwei Jahre später im April 2018 gerade mal 16 gepflanzt (18 minus zwei eingegangenen Bäumen, ein weiterer steht auf der Kippe), einige davon ohne Baumstützen, einer nur 1 m von einem Haus entfernt. Wo soll der Baum wachsen und wer pflanzt so? Aha: die betreffende Hainbuche wird zur kleinen Kugel geformt. Statt 8 großkronigen Bäumen gibt es nur 2. Auch von den vielen Metern Hecke fehlen noch etliche. Wann wird weiter gepflanzt? Wann kommt der Ersatz für den Ersatz? Bei Ausfall ist gleichwertiger Ersatz zu pflanzen, so verlangt es die Fällgenehmigung in 1.2.2.

Glaubt man einigen Bewohnern, so kennen sie den Freiflächenplan, der die Arten, Anzahl und die Standorte der Ersatzpflanzungen verbindlich festlegt, nicht. Die Fällgenehmigung ist eindeutig:

1.2.1    Ersatzpflanzungen sind entsprechend der Bilanzierung vom 5.12.2014 und des Freiflächenplanes vom 27.11.2014 vorzunehmen (§ 36 HmbVwVfG)“

Was läge näher als den Bewohnern den Plan zur Erfüllung zu geben? So wüsste auch gleich jeder, was auf dem gesamten Grundstück gepflanzt werden muss. Verantwortlich für die Umsetzung des Freiflächenplans sind schließlich Deniz Karaday und Olav Dohrn sowie ihre Rechtsnachfolger (Ziffer 1.2.2 der Fällgenehmigung). Nach Auskunft der Bewohner haben die Investoren mit ihnen nur die jeweilige Anzahl und Art der Bäume (wie genau und verbindlich auch immer – die vielen Abweichungen sprechen für sich) sowie die Himmelsrichtung der Standorte geregelt. Ein Vergleich von Pflanzungen und Plan offenbart so manche verkaufsfördernde „Optimierung“, wie z.B. die „Wanderung“ von Bäumen an die nördlichen oder östlichen Grenzen. Landschaftsplanung und Gewinnstreben vertragen sich nicht. So wird es natürlich nichts mit der Erfüllung des Plans.

So schwinden hier und da ohne Not Flächen, die für Ersatzpflanzungen vorgesehen sind. Wohlgemerkt: die vielen Meter Hecke (Hecke für Baum – ohnehin nur eine Ausnahme) sollen 42 Bäume ersetzen!

Auch sonst wird einiges zur „Eindämmung“ der Ersatzpflanzung getan. Hecken sollen in ca. 30 cm schmale Schlitze zwischen Betonkanten und Pflasterflächen gezwängt oder an die Wände von Gartenhäusern gepresst werden. Die Hecken können gar nicht schmal genug sein. Verständlich ist dieser groteske Kampf pro Rollrasen und contra Hecke nicht. Übrigens wird auch der Rollrasen viel Arbeit machen, sobald die Wirkung der reichlich vorhandenen Pestizide und des Düngers nachlässt…

Die Bewohner interessiert es wohl nicht, dass ihre Siedlung nicht auf einem Parkplatz (auch wenn es heute so aussieht) entstanden ist, sondern ein ökologisch wertvolles Biotop verdrängt hat. Viele Bäume mussten für das zweifelhafte Bauvorhaben weichen. Wenigstens die ohnehin moderaten Ersatzpflanzungen können doch wohl erfüllt werden.

Dass Bäume und Hecken die Windwirkung reduzieren, haben sie wohl auch noch nicht gehört. So harren sie lieber auf ihren zugigen Grundstücken aus, sichern Alltagsgegenstände, anstatt zu pflanzen. Und wo bleiben eigentlich die 3 Vogelnistkästen und 5 Fledermauskästen, die Deniz Karaday und die Fachamtsleiterin Sigrid Vossers so ganz zwang- und formlos vereinbart haben? Kommen die noch?

2. Beim Farenland 52, Farmsen-Berne

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Beim Farenland 52 – die Buchenhecke ist Geschichte

Nur drei Grundstücke weiter, beim Bauvorhaben Beim Farenland 52, wurde ähnlich agiert. Im Sommer 2015 wurde der liebevoll gestaltete, alte Garten komplett entfernt. Selbst Hecken an den Grundstücksrändern (aus Rhododendron, Kornelkirsche, Brombeere, Hainbuche, Johannisbeere usw.) wurden zerstört. Nur die alte Hainbuchenhecke (so sah sie aus) an der Straßenfront blieb vorerst erhalten. Dann wurde sie durch unsachgemäßen groben Schnitt zunächst verschandelt (das hätte sie noch überlebt) und schließlich im September 2016 während der Brutsaison rechtswidrig zerstört. Ja nun, man wollte lieber etwas Immergrünes: eine (ökologisch wertlose) Thujahecke.

[Update:] Die Thujahecke wurde umgepflanzt und an der Straßenfront eine kräftige, heimische Eibenhecke gepflanzt. Fehler korrigiert!

3. Siekkamp 4, Sasel

Ein bekanntes Schema: für ein viel zu großes, den Rahmen des Bebauungsplans sprengendes Bauvorhaben durften fast alle Bäume und sogar die alte Hainbuchenhecke an der Straßenfront gefällt werden. Mit dem verbliebenen Walnussbaum ging der Bauherr nicht gerade zimperlich um. Ein Flatterband simuliert den Stammschutz, im Wurzelbereich wurde ein Betonfundament für den Kran gesetzt, Baumaterial gelagert und Erde aufgeschüttet.

4. Pflasterarbeiten Pillauer Straße 4, Wandsbek

Im Wurzelbereich eines großen Bergahorns wurde gegraben, mit einem Bagger gefahren und schweres Material gelagert (Gehwegplatten und Sand). Darüber täuscht auch das frisch gesäte Gras nicht hinweg, das nun darüber wächst.

5. Pflasterarbeiten Königsreihe 41, Wandsbek

Viele Wochen andauernde erhebliche Boden- und Plattenlagerung im Wurzelbereich einer jungen Eberesche, die sich bereits neigt.

6. Uferbefestigung Eilbekkanal an der Uferstraße, Eilbek

Dem dort tätigen Bauunternehmen ist offenbar nicht klar, dass Container und ähnliches nicht im Kronenbereich gelagert werden dürfen.

7. Bauvorhaben Alsterufer, Ecke Alsterglacis, City

Pflasterarbeiten im Wurzelbereich einer prägenden Rotbuche. Wurzeln des Herzwurzlers sind für die Herstellung eines Weges gekappt worden. Bei einem anderen Baum wurde schweres Material im Wurzelbereich gelagert. Bei den im Hochsommer gepflanzten Hainbuchen wurden die Ballentücher nicht geöffnet.

Für einen besseren Schutz unserer Bäume und Hecken

Was ist zu tun? In erster Linie sind die Behörden gefordert:

  • Baumschutz gehört in die Hände von Fachleuten, nicht Bauarbeitern
  • Mehr Aufklärung über den Baumschutz
  • Mehr Kontrollen
  • Spürbare Sanktionen – Baum- und Heckenschädigungen dürfen sich nicht lohnen.

Aber auch jeder einzelne kann dazu beitragen, dass Gehölze besser geschützt werden und überleben: Seien Sie aufmerksam und werden Sie aktiv – melden Sie Vorfälle der Naturschutzbehörde, so dass diese eingreifen kann!

Bildnachweis:
Titelbild: www.JenaFoto24.de  / pixelio.de

 

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