Ratgeber: Naturzerstörung leichtgemacht

Sie haben für Natur nicht viel übrig und wollen Ihr Grundstück optimal verwerten, sprich: maximal bebauen? Ohne Beeinträchtigung durch störende Bäume, Hecken oder gar Quartiere geschützter Arten? Dann haben wir ein paar Tipps für Sie!

Nicht überall in Deutschland ist man gleichermaßen aufgeschlossen für Ihre Wünsche. Der Grad der Gesetzestreue ist in den einzelnen Gemeinden oder Behörden unterschiedlich ausgeprägt. Wir drücken Ihnen die Daumen, dass Sie es mit einem kooperativen Sachbearbeiter zu tun haben. Ist er unwillig, gibt es ja immer noch den Vorgesetzten oder Behördenleiter. Keine Sorge: generell dürfen Sie heutzutage mit viel Entgegenkommen rechnen, insbesondere beim Bauen und noch viel mehr, wenn Sie ein Investor sind, der mit Projektentwicklung sein Geld verdient. Dann werden Sie geradezu hofiert! Da darf dann gern mehr gebaut werden als vorgeschrieben. Grünland, auch solches in Landschaftsschutzgebieten wird mal so eben in Bauland umgewandelt. Man muss nur laut genug fordern oder die richtigen Personen kennen. Noch viel bessere Karten haben Sie als Vertreter eines staatlichen Unternehmens oder einer Genossenschaft. Aber das sind ja die wenigsten…

Bauen als grüne Herzensangelegenheit

Hamburg ist ein guter Ort, sich lästiger Natur zu entledigen. Man könnte meinen, die Regierungsbeteiligung der Grünen sei ein Hindernis. Nun ja, theoretisch vielleicht. In der politischen Realität ist „Grün“ nur noch ein Etikett und die Hintergrundfarbe der Wahlplakate. Ansonsten sind Grüne inzwischen sehr pragmatisch, sie wollen schließlich mitregieren. Waren Bauen und Förderung der Immobilienwirtschaft nicht schon seit jeher ur-grüne Themen? Ganz sicher ist es jedenfalls klassisch grüne Politik, Radwege zu bauen und das Autofahren unattraktiv zu machen. Wenn für die Radwege oder auch woanders Bäume gefällt werden müssen, ist das nicht schlimm. Denn wenn mehr Menschen Rad und weniger Auto fahren, braucht man gar nicht mehr so viele Bäume. Ist doch logisch, oder?

Sehr investorennah gibt sich der Senat oder auch der Bezirk Wandsbek. Und in Wandsbek wird das auch so weitergehen: Weil sein Chef Thomas Ritzenhoff seinen Job die letzten Jahre so toll gemacht hat (findet jedenfalls die rot-grüne Regierungskoalition, und darauf kommt es schließlich an) wird er wohl vorzeitig für eine zweite Amtsperiode von 6 Jahren gewählt. In diesem größten Hamburger Bezirk gibt es reichlich Bäume und Natur. Oder wie man in Kreisen von Investoren und Baupolitikern sagt: Potenzial für Verdichtung und Übererfüllung des Wohnungsbauprogramms des Senats.

Doch Obacht! Lassen Sie sich nicht zu der leichtfertigen Annahme hinreißen, die Großzügigkeit bei der Auslegung des Naturschutzrechts gelte für jeden. Die Verwaltung kann auch ganz anders: Wenn Sie nur ein einfacher Bürger sind, ohne gute Kontakte und vielleicht nicht einmal bauen wollen, dann kann die Behörde auch sehr pingelig sein und manchmal sogar mehr Naturschutz fordern, als zulässig.

Nützlich: Politik, Verwaltung und Gutachter

Wenn Sie vorhaben, viele Bäume zu „entnehmen“ (so heißt das in der Fachsprache), gibt es aber noch andere Möglichkeiten. Vielleicht sind Sie ja Mitglied einer Partei, besser noch der richtigen, die mit wenigen Unterbrechungen seit Jahrzehnten die Regierung stellt. Dann haben Sie Anschluss an ein gut funktionierendes Netzwerk mit vielen weit verzweigten Verbindungen bis tief in die Verwaltung. Dort treffen Sie auf viele Personen, die mit Ökologie nicht viel am Hut haben, Ihnen aber gern helfen.

Auch sehr nützlich ist es, Fachleute einzuschalten, die bei Bedarf hilfreiche Gutachten erstellen. Praktisch hierbei: wer zahlt, bestimmt die Musik. Man muss ja schließlich irgendwie über die Runden kommen, und Gutachten sind eine schöne Einnahmequelle – da wird man doch nicht so streng sein und schlimme Dinge ins Gutachten schreiben, die den Interessen des Auftraggebers zuwiderlaufen … Lieber gibt man sich kreativ und entdeckt zum Beispiel einen gefährlichen Pilz, definiert Bäume als bedrängt oder im schlechten Zustand – erleichtertes Nicken von Investor und Behörde und zack: es kann gefällt werden!

Selbst als anerkannt geltende Fachleute, die schon lange im Geschäft sind, lassen durchaus mit sich reden. Wenn sie gut sind, also ihr Fach beherrschen, ist es richtig schwer, Fehler in diesen Gutachten zu entdecken. Das ist natürlich vorteilhaft, dafür sind diese Experten leider etwas teurer. Es gibt aber auch solche, die eigentlich gar keine Ahnung haben, aber zum Beispiel noch ein altes Biologie-Diplom aus längst vergessenen Zeiten in der Schublade haben. Meist sind sie nicht so routiniert im Schreiben von Gutachten, gleichen das aber durch besondere Serviceorientierung wieder aus und schreiben einfach alles, was man möchte. Natürlich ist bei so einem „Gutachten“ (Beispiel) sehr leicht festzustellen, dass es nichts taugt. Das macht aber nichts, weil die Behörden es ohnehin nicht prüfen. Man kann ja wohl davon ausgehen, dass ein Gutachten drin ist, wenn „Gutachten“ draufsteht. Und schnell gibt es einen Haken. Läuft!

Wenn die Behörde aber partout nicht von den rechtlichen Erfordernissen abrücken will, bleibt immer noch die Möglichkeit, die Tatsachen zu schönen, einfach schnell loszulegen (weg mit den Schutzobjekten) oder Auflagen zu ignorieren. Sollte das tatsächlich einmal auffallen, sagen Sie einfach, Sie hätten alles richtig gemacht. Und schon ist alles gut.

Beim Artenschutz kommt eigentlich die Behörde für Umwelt und Energie („BUE“) ins Spiel. Sie hat fundierte Leitfäden zum Artenschutz und Baumschutz verfasst, die, würde man sie beachten, durchaus hinderlich sein könnten. In der Behördenpraxis finden sie aber zum Glück wenig Anklang und die BUE reißt sich auch nicht gerade darum, tätig zu werden. Sie beschäftigt sich lieber mit Naturschutzgebieten, nicht aber mit der unter Druck stehenden Fläche und Bauvorhaben. Nur wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, etwa weil ein lästiger Bürger sich an sie wendet, muss die Fachbehörde Farbe bekennen.

Doch keine Panik, auch die BUE wird Ihr Unterfangen kaum ernsthaft gefährden. In letzter Konsequenz hält die Verwaltung zusammen, und auch die BUE wird in der Regel bestätigen, dass es keine artenschutzrelevanten Sachverhalte oder schützenswerten Bäume gibt. So ein Wort hat Gewicht – schön für Sie und schön für das Bezirksamt. Eine klassische Win-Win-Situation. Nur für den lästigen Bürger/Naturschützer, die betroffenen Bäume und Tiere ist kein „Win“ mehr übrig – das wäre ja auch wirklich zu viel des Guten.

Bildnachweis:
Andreas Zöllick  / pixelio.de

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