Baumschutz: ungenügend

Von den mindestens 64 geschützten überwiegend alten Einzelbäumen (43 Nadelbäume und 21 Laubbäume) und umfangreichem Baumaufwuchs sind nur 3 Bäume erhalten geblieben. Die mehrfach fehlerhafte Ausnahmegenehmigung nach der Hamburger Baumschutzverordnung vom 17. Dezember 2014 mit der Baumerfassung vom 29. September 2014 geht nur von 56 Bäumen und keinem Baumaufwuchs aus.

Das Bezirksamt erklärte kurz nach der Fällung im Januar 2015 mit unerschütterlicher amtlicher Autorität, die Fällgenehmigung sei korrekt. Die Richtigkeit der Aussage folgt aber nicht automatisch daraus, dass sie von einer Behörde stammt (obwohl man das eigentlich annehmen dürfte). Es bleibt abzuwarten, ob sich das Bezirksamt nunmehr angesichts der Faktenlage zu einer Überprüfung, einer nachvollziehbaren Erklärung zu den Versäumnissen sowie der Korrektur und Ahndung der aufgezeigten Verstöße veranlasst sieht.

Ein einzelner Fehler ist das eine, eine bewusst „legere“ Prüfung bzw. Handhabung des Naturschutzrechts schon etwas anderes und eine Irreführung der Öffentlichkeit wiederum ein ganz anderes Kaliber. Zu den vielen Mängeln im Einzelnen:

Die wesentlichen Mängel

  1. Lückenhafte und ungenaue Erfassung von Bäumen und Baumaufwuchs
  2. Zu schlechte Bewertung
  3. Zu geringer Ersatzbedarf
  4. Zu hoher Anteil in Hecken
  5. Aufklärungsfehler
    Behördliche Prüfung vor Ort erst während der Fällung
  6. Ermessensfehler
  7. Ungenügende Artenschutzprüfung
  8. Keine Festsetzung von Fledermaus- und Vogelnistkästen und einer Fällbegleitung
  9. Kein Schutz und Schädigung von Bäumen während der Bautätigkeit

1. Mängel der Erfassung

Das Satellitenbild dokumentiert den waldartigen Baumbestand der Grundstücke vor der Rodung am 20. Januar 2015. Viele einzelne Bäume sind gut erkennbar. Die Nadelbäume weisen eine an Palmen erinnernde Struktur auf. Zu beachten ist, dass es auf den Grundstücken auch nicht geschützte alte Obstbäume und Großsträucher gab.

Luftbild Beim Farenland 42-46

Dieser von uns nachempfundene Plan zeigt exakt die uns vorliegende Baumerfassung der Bauherren, die am 24. September 2014 beim Bezirksamt Wandsbek eingegangen ist:
Baumlageplan Fällantrag Beim Farenland 42-46Erfasst haben sie 50 Bäume. Alle sollten gefällt werden.

Liste Baumbestand AusschnittDie Bauherren, Deniz Karaday und Olav Henry Dohrn, verbieten uns die Verbreitung der Pläne. Ist Ihnen die Aufdeckung der gravierenden Lücken und Fehler unangenehm? Neben erkennbaren Lücken sind die Angaben der botanischen Bezeichnungen („Tanne, Tanne, Tanne …“) und Abmessungen falsch und dilettantisch.

Diese Erfassung genügte auch dem Bezirksamt nicht. Vom Schreibtisch aus markierte die Behörde offenkundige Lücken im Luftbild und bat die Bauherren um Ergänzung. Diese übernahm der Baumsachverständige. Er erstellte keinen eigenen Baumbestandsplan, sondern ergänzte und korrigierte lediglich den ursprünglich von den Bauherren bereitgestellten Plan. In seiner uns vorliegenden „Berechnung des Ersatzbedarfs“ mit Bestandsplan vom 29. September 2014, die Grundlage der Fällgenehmigung ist, hat er 8 Bäume ergänzt, einen gestrichen sowie die grob falschen botanischen Bezeichnungen, Abmessungen und geringfügig die Standortangaben korrigiert. Diese Erfassung kommt auf 56 Bäume (ein im Plan ergänzter Baum fehlt im Verzeichnis).

Dieser ebenfalls von uns nachempfundene Plan zeigt die Baumerfassung des Sachverständigen (Änderungen gegenüber dem ersten Plan in blau). Hinzugefügt haben wir zur Orientierung die alten Gebäude (in rot).

Baumlageplan Sachverstaendiger Remake

Ein Vergleich mit der Luftbildaufnahme offenbart Lücken und Ungenauigkeiten der Erfassung des Baumsachverständigen. Im nachstehenden Bild haben wir die bis dato aufgedeckten fehlenden Bäume auf den Bau- und den Nachbargrundstücken markiert.

Luftbild fehlende Bäume

Es ist schwer nachvollziehbar, wie die Bauherren bei der ersten Erfassung die zum Teil sehr großen Bäume (z.B. die alte Douglasie mit 88 cm Stammdurchmesser oder zwei Vogelkirschen mit 35 bzw. 45 und 28 cm (zweistämmig)) oder der Baumsachverständige in der ergänzten Fassung z. B. eine Sal-Weide und einen anderen Laubbaum (beide direkt neben und etwa genauso groß wie die erhalten gebliebene Sal-Weide mit 58 cm Stammdurchmesser) „übersehen“ konnten. Da haben sie wohl buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Von einem Baumsachverständigen darf man mehr Gründlichkeit erwarten.

DreiecksmarkerZur Einordnung: an größeren/älteren Bäumen gefällt wurden
(basierend auf der lückenhaften Aufstellung des Sachverständigen)
a) Laubbäume (Sal-Weide, Birke, Vogelkirsche, Eschen-Ahorn, Spitz-Ahorn) mit Stammdurchmessern von ≥ 30 cm = 8, ≥ 60 cm = 1, ≥ 70 cm = 1
b) Nadelbäume (Douglasie/Fichte) mit Stammdurchmessern von ≥ 50 cm = 5, ≥ 60 cm = 3, ≥ 70 cm = 4, ≥ 80 cm = 1 (plus Gruppe von 10 Bäumen mit 35-60 cm)

Die Antworten des Bezirksamts auf die Kleine Anfrage der CDU vom 3. März 2015 (Drucksachen-Nr. 20-0866) zur Baumerfassung und dem Baumbestand in dieser Sache fallen bemerkenswert unklar und auch falsch aus. Sie werfen ein schlechtes Licht auf die Arbeitsweise des Bezirksamts und dessen Information der Oppositionsparteien und der Öffentlichkeit.

1. Im Zuge des Baugenehmigungsverfahrens gab es mehrere Umplanungen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf den vorhandenen Baumbestand. Welcher Planungsstand war Basis des Fällantrages und der Genehmigung?“
„Grundlage für die Ausnahmegenehmigung nach Hamburger BaumschutzVO war ein überarbeiteter Lageplan der geänderten Bebauung.

Überarbeiteter Lageplan“ beantwortet weder die Frage nach dem Planungsstand, noch trifft es zu. Dem Baumbestandsplan vom 29. September 2014, der Grundlage der Fällgenehmigung ist, lag der erste Lageplan zugrunde.

2. Waren auf der dem Fällantrag zugrundeliegenden Planung alle Bäume auf dem Grundstück sowie alle direkt angrenzenden Nachbarbäume erfasst? Wenn nein, warum nicht?“
„Nein. Ein Abgleich im Rahmen der Antragsprüfung, in Verbindung mit einer durchgeführten Ortsbesichtigung, hatte die Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben des Baumbestandsplanes des Baugrundstücks bestätigt. Angrenzende nachbarliche Bäume waren nicht Bestandteil des Prüfumfanges nach der Hamburger BaumschutzVO.

Mit dem „Abgleich im Rahmen der Antragsprüfung“ ist wohl der Vergleich mit den Luftbildaufnahmen gemeint. Dieser hatte gerade nichtdie Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben […] bestätigt“. Dass die Ortsbesichtigung während der Fällung stattfand, sagt das Bezirksamt lieber nicht. Natürlich sind auch Nachbarbäume geschützt. Ihr Erhalt ist bei Entscheidungen über benachbarte Bäume anzustreben und durch Schutzmaßnahmen sicherzustellen. In den Antworten zu Nr. 7 bestätigt das Bezirksamt dann doch den erforderlichen Schutz von Nachbarbäumen. Sie hätten „entsprechende Hinweise an den Bauträger gegeben, die sich auch auf den Schutz angrenzender Bäume auf Nachbargrundstücken bezogen“.

4. Für wie viele Bäume wurde die Fällung genehmigt?“
„Für 47.

Laut Fällgenehmigung waren es 53. Hier ist das Bezirksamt wohl ein Opfer seiner unorthodoxen Aktenführung geworden. Die Zahl 47 stammt vom ersten, überholten Baumbestandsplan.

5. Um welche Bäume handelt es sich (Baumart und Stammdurchmesser)?“
„Es handelte sich um 37 Nadelbäume mit einem Stammdurchmesser von 28 bis 62 cm, 6 Birken mit einem Stammdurchmesser von 27 bis 67 cm, zwei Ahorn-Bäume mit einem Stammdurchmesser von 35 und 42 cm und zwei Weiden mit einem Stammdurchmesser von 30 und 51 cm.“

Diese Angaben sind alle falsch. Sie sind ebenfalls dem ersten, überholten Baumbestandsplan entnommen worden.

Zusammenfassung
  • Nach jetzigem Kenntnisstand fehlende Erfassung von 8 Bäumen auf den Baugrundstücken.
  • Fehlende Erfassung von großflächigem, geschützten Baumaufwuchs (geschützt bei Vorhandensein einzelner Bäumen ab 15 cm Stammdurchmesser und einer Fläche von mehr als 50 m²), insbesondere im hinteren Bereich der Grundstücke.
  • Fehlende Erfassung von grenznahen Bäume auf Nachbargrundstücken (2x Fichte, als Folge der Freistellung und Baggerarbeiten im Wurzelbereich inzwischen umgestürzt bzw. abgestorben) – diese Bäume bildeten eine Gruppe mit – zum Teil nicht angegebenen – Bäumen auf den Baugrundstücken und waren von den veränderten Standortbedingungen durch die Rodung stark betroffen.
  • Fehlende Erfassung von artenschutzrechtlich relevanten Höhlenbäumen und Bäumen mit hohem Totholzanteil.
  • Überholter Planungsstand (linke Zufahrt durch Weg ersetzt, rechte Zufahrt schmaler, Änderung der Anordnung einzelner Stellplätze).

Die Fällung der nicht von der Fällgenehmigung erfassten 8 Bäume und des Baumaufwuchses sind eine Ordnungswidrigkeit.

2. Zu schlechte Bewertung

Die „Arbeitshinweise zum Vollzug der Baumschutzverordnung und der dabei zu beachtenden artenschutzrechtlichen Vorschriften“ (nachfolgend „Arbeitshinweise“), Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt vom 15. Januar 2015, legen ab Seite 35 im „Erfassungsbogen zur Errechnung des Ersatzbedarfs gemäß BaumschutzVO“ (Anlage 1, nachfolgend „Erfassungsbogen“) nebst dessen Erläuterung (Anlage 2) folgende Kriterien für die Bewertung von Bäumen fest:

  • Laubbaum (2 Punkte) oder Nadelbaum (1 Punkt),
  • Stammdurchmesser (in Stufen 1-5 Punkte),
  • Kronendurchmesser (in Stufen 1-5 Punkte),
  • Zustand (0-4 Punkte) sowie
  • Zu- und Abschläge für Besonderheiten des Ortsbilds, des Artenschutzes oder des Einzelfalls (bis zu +/- 4 Punkte).

Daraus errechnet sich der Baumwert und Multiplikator für den Ersatzbedarf.

Die Bewertung der Bäume durch den Sachverständigen ist vielfach zu schlecht. Zu beanstanden sind (1) methodische Fehler, (2) die Zustandsbewertung und (3) Abschläge.

(1) Methodisch angreifbar hat er für die aus 10 alten und vitalen Nadelbäumen bestehende Baumgruppe etwa in der Mitte der Grundstücke nur 5 Ersatzbäume errechnet, indem er sie als „Gesamtbaum“ behandelt hat.

Die Stammdurchmesser der Bäume betrugen laut Baumsachverständigem zwischen 35 und 60 cm. Nach unserem Verständnis der Ziffern 2.1 und 3 des „Erfassungsbogens“ sowie II. der Erläuterung der „Arbeitshinweise“ kommt die Behandlung einer Baumgruppe als „Gesamtbaum“ nur bei Bäumen mit einem Stammdurchmesser bis 25 cm in Frage. Bei richtiger Bewertung eines jeden einzelnen Baumes (Stammdurchmesser 25 bis 49 cm, Kronendurchmesser 5 bis 9 m, Zustand mittel und einem Abschlag für bedrängt) hätte das pro Baum zu einem Ersatzbaum, d.h. insgesamt 10 Ersatzbäumen geführt, bei älteren Bäumen (Stammdurchmesser ≥ 50 cm) u.U. auch zu zwei. Dabei sind mögliche Zuschläge für die ökologische Bedeutung dieser Gruppe noch nicht einmal berücksichtigt.

(2) Außerdem hat der Sachverständige den Zustand vieler Bäume zu schlecht bewertet, mehrheitlich nur durchschnittlich bis unterdurchschnittlich (sehr gut 0x, gut 4x, mittel 37x, schlecht 12x, sehr schlecht 3x). Tatsächlich waren die meisten geschützten Bäume nach Aussagen von Zeugen, auch Behördenmitarbeitern, vital. Soweit abgebildet, lässt sich der Zustand den Fotos entnehmen.

Als Ein Beispiel: den Zustand der rechts abgebildeten, erhalten gebliebenen Birke hat der Sachverständige mit schlecht (1) bewertet. Vom „schlechten Zustand“ kann sich jeder selbst ein Bild machen.

(3) Verschiedene Bäume haben außerdem zweifelhafte Abzüge für einen angeblich „bedrängten“ Stand erhalten ohne Angabe und Eintragung der konkurrierenden Gehölze und ihrer Abmessungen. Ein Dichtstand hätte zudem durch Auslichtung behoben werden können. Andererseits gibt es keinen einzigen gebotenen Artenschutz-Zuschlag für die vorhandenen alten Bäume (Richtwert Stammdurchmesser ≥ 50 cm, Bäume mit hohem Totholzanteil oder Astausbrüchen, Leitlinien- und Biotopverbindungsfunktion.

Über die strenge Bewertung hinaus wollte der Baumsachverständige auch noch eine Gesamtminderung von 25% durchsetzen:

Aus gutachterlicher Sicht sollte die Gesamtsumme von […] um 25% gemindert werden. Dieser Abzug ergibt sich durch den Dichtstand und der hierdurch hervorgerufenen Fehlentwicklungen und Aufbaumängel einzelner Exemplare sowie durch den Vorteil alt für neu und der untergeordneten ökologischen Bedeutung der Arten.“

Dabei haben 35 Bäume schon Abschläge für bedrängten Stand erhalten. Aufbaumängel wiederum sind nur in einem Fall erwähnt worden. Dieses Ansinnen hat das Naturschutzreferat aus guten Gründen abgelehnt.

Die Rolle von privat beauftragten Baumsachverständigen ist nicht frei von Interessenkonflikten. Bedenkenswert ist, ob nicht besser die Naturschutzbehörden den Auftrag erteilen sollten, bei Kostentragung durch die Antragsteller.

3. Zu geringer Ersatzbedarf

Der Baumsachverständige hat einen Ersatzbedarf von 66 Bäumen errechnet. Nach unseren auf die Papierlage, Fotos und Zeugenaussagen gestützten konservativen Berechnungen ergibt sich für die bis dato ermittelten fehlenden Bäume, fehlenden Baumaufwuchs und fehlerhafte bzw. fehlende Zu- und Abschläge ein Korrekturbedarf von 31 Ersatzbäumen. Abzüglich der 8 Ersatzbäume für die drei erhalten gebliebenen Bäume macht das in Summe 89 statt 66 Ersatzbäume.

Den Baumbestandsplan inklusive Bewertung des Gutachters sowie unsere Korrekturen haben wir hier dargestellt:

Baumbestandsplan
Baumübersicht – anklicken zum Öffnen

4. Mängel der Ersatzpflanzung – zu hoher Anteil in Hecken

Wegen des überragenden Grünvolumens und der ökologischen Funktion von Bäumen ist der Ersatzbedarf in der Regel durch Bäume zu erfüllen. Soweit eine Erfüllung ausscheidet, weil kein ausreichender Platz (mehr) zur Verfügung steht, sind Ersatzzahlungen zu leisten. Nur in besonders begründeten Ausnahmefällen kommt eine Ersatzpflanzung durch Hecken anstelle von Bäumen in Betracht („Arbeitshinweise“, Seite 17 f.). Die Bauherren sollen die vom Baumsachverständigen festgestellten 66 Ersatzbäume durch

  • 24 Bäume und
  • gut 600 m Hecke

Sträucher_DS2_8961ersetzen dürfen. Besondere Gründe können wir nicht erkennen. Die ursprünglich vorhandenen alten Sträucher (u.a. Hasel, Holunder, Liguster) sind nicht berücksichtigt worden. Eine merkwürdige Schieflage.

5. Aufklärungsfehler

Soweit ersichtlich, ist die Behörde ihren Aufklärungspflichten nicht nachgekommen. Zur gebotenen Untersuchung heißt es unter 2.7.4 auf Seite 22 der „Arbeitshinweise“:

„Grundsätzlich hat die für die Erteilung der Ausnahmegenehmigung zuständige Behörde aufgrund des im Verwaltungsrecht geltenden Untersuchungsgrundsatzes (§ 24 HmbVwVfG) daher die für die Entscheidung erforderlichen Tatsachen und Umstände zu klären und im Rahmen der Ermessensausübung die für oder gegen die Erteilung einer Ausnahme sprechenden Gründe zu ermitteln.
In der Regel wird sich daher die Behörde im Rahmen einer Ortsbesichtigung einen Eindruck über das Alter, die naturschutzfachliche Wertigkeit des Baumes, insbesondere auch für den Artenschutz, und über dessen Verkehrssicherheit machen müssen.“

Dass der umfangreiche, ökologisch wertvolle Baumbestand vor Ort zu untersuchen war, steht wohl außer Frage. Selbstverständlich finden diese Untersuchungen vor der Fällung, d.h. vor Erteilen der Fällgenehmigung statt. Den vagen Antworten zu Nr. 2 (s.o. a)) und Nr. 8 der Drucksachen-Nr. 20-0866 entnehmen wir, dass nur eine Besichtigung stattgefunden hat:

8. Welche Abteilungen waren im Zuge des Prüfverfahrens nach der Baumschutzverordnung beteiligt und wurde der Baumbestand vor Ort in Augenschein genommen?“
„Die Prüfung wurde durch Mitarbeiter des Zentrums für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt (WBZ) in der Abteilung Naturschutz durchgeführt. Es wurde von zwei Mitarbeitern eine Ortsbesichtigung durchgeführt, bei der der Baumbestand gründlich in Augenschein genommen wurde. Zusätzlich wurde eine artenschutzfachliche Kontrolle durch eine Mitarbeiterin der BSU, Abteilung Naturschutz, durchgeführt.“

Diese Prüfung geschah jedoch während der Fällungen. Dass die „gründliche“, maximal 1 ½ stündige Prüfung der 64 geschützten Bäume, des Baumaufwuchses und vor allem der Baumhöhlen in Obstbäumen, in die hineingeleuchtet wurde, bei der auch die Positionen der Schutzzäune um die drei erhalten gebliebenen Bäume auf den Baugrundstücken (nicht um die beiden Nachbarbäume) mit den Bauherren diskutiert wurden, nicht adäquat und zu spät war, liegt auf der Hand und belegen die Ergebnisse: keine Fehler entdeckt. Es ist nicht richtig, dass alles in Ordnung war, sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus: eine mangelhafte nachträgliche Überprüfung segnet eine fehlerhafte Baumerfassung und -bewertung ab.

6. Ermessensfehler

Die Fällung von Bäumen ist verboten. Nur im berechtigten Ausnahmefall, darf die Fällung eines Baumes genehmigt werden (§§ 1 und 4 der Hamburger Baumschutzverordnung). Die Ausnahnegenehmigung hier wird diesen Anforderungen nicht gerecht. Sie erstreckt sich auf diverse Bäume ohne Ausnahmegrund und lässt eine ausreichende Berücksichtigung und Gewichtung der Zwecke des Baumschutzes in der Abwägung vermissen.

Schon die Begründung ist ungenügend. Als Gründe für die Genehmigung der Fällung von 53 Bäumen werden pauschal ohne Aussage zu einzelnen Bäumen genannt:

„Die Fällungen werden aufgrund von Baubehinderung, mangelnder Vitalität und fehlender Entwicklungsmöglichkeiten genehmigt.“

Mindestens Begründungen für einzelne Bäume oder Fallgruppen mit Nennung der betreffenden Bäume wären erforderlich gewesen. Aber auch inhaltlich sind die genannten Gründe zu beanstanden. Baubehinderung trifft für etwa 20 Bäume nicht zu, wenn man zumutbare Umplanungsmöglichkeiten berücksichtigt. Mangelnde Vitalität rechtfertigt keine einzige Fällung. Nahezu alle Bäume waren vital. Auch die drei Bäume im angeblich schlechten Zustand hätten nicht gefällt werden müssen. Die behaupteten fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten werden nicht erläutert. Man kann nur mutmaßen, welche Bäume davon erfasst sein sollen. Bei den nicht baubehindernden Bäumen gab es nur wenige Dichtstände, die eine Fällung gerechtfertigt hätten. Ferner sollte dieser Grund u. U. die von dem Einschlag selbst verursachten, für Nadelbäume lebensfeindlichen Standortbedingungen abdecken. Mit anderen Worten: Mit weitreichenden Fällungen werden die Standortbedingungen nachteilig verändert, was dann die Fällung weiterer Bäume rechtfertigen soll.

Auch der Abwägungsprozess ist nicht erkennbar. Er hätte in der Begründung offengelegt werden müssen. Auch in der von uns am 7. Januar 2015 eingesehenen Akte gab es keine Anhaltspunkte für die angestellten Überlegungen.

Sogar Fällgenehmigungen ohne Ausnahmegrund

Diverse Bäume durften ohne Ausnahmegrund gefällt werden. Sie standen auf Freiflächen außerhalb der geplanten Bebauung, wie dem Baumlageplan (s.o.) zu entnehmen ist.

Dabei handelt es sich um 5 Laubbäume (darunter eine Sal-Weide mit einem Stammdurchmesser von 62 cm und eine Vogelkirsche mit Stammdurchmessern von 45 und 28 cm). Bei zwei weiteren Laubbäumen (Eschenahorn und Vogelkirsche) in der Nähe von Zufahrten hätte man die exakten Standorte ermitteln (der Baumlageplan ist weder exakt noch maßstabsgetreu) und ggf. eine geringfügige Verschwenkung der Zufahrten erwägen müssen. Daneben befanden sich 12 Nadelbäume auf Freiflächen. Aufgrund der Windwurf- und bruchgefahr können Nadelbäume nur gruppenweise erhalten werden, was fallweise zu prüfen gewesen wäre.

Untergewichtung des Baumschutzes gegenüber dem Baurecht

In im Zusammenhang bebauten Gebieten („Innenbereich“), wie im vorliegenden Fall, erstreckt sich der Schutz von Bäumen in der Regel auf unbebaute Flächen. Wenn diese Flächen im Einklang mit dem Bebauungsplan bzw. der Nachbarbebauung bebaut werden sollen, müssen Bäume grundsätzlich weichen. Allerdings muss dieser Eingriff so schonend wie möglich erfolgen. Wenn Bäume durch zumutbare Änderungen erhalten werden können, sind diese zu wählen. Das ist hier nicht geschehen.

Dabei hatte das Naturschutzreferat mit Schreiben vom 13. November 2014 zunächst Umplanungen zur Reduzierung des Grünverlusts, nämlich den Erhalt der alten Hainbuchenhecke mit nur einem zentralen Durchbruch an der Straße (tatsächlich wurden es jedoch drei), von drei bestimmten mit dem Vorhaben kollidierenden Bäumen (zwei davon wurden doch gefällt) und ggf. weiteren nicht betroffenen, vitalen Bäumen verlangt (insgesamt blieben nur drei Bäume stehen). Da fragt man sich, warum sich der anfänglich ordnungsgemäß praktizierte Baumschutz so einfach in Luft aufgelöst hat. In der Akte steht hierzu nichts.

Bei einer Überschreitung der zulässigen bebaubaren Fläche hat das Baurecht nicht automatisch Vorrang. Auch der Baumschutz ist bei der Entscheidung über die Befreiung zu berücksichtigen. Das ist hier ebenfalls nicht beachtet worden: Erhebliche Überschreitung des zulässigen Maßes der Bebauung; bei geringerem, bauplankonformen Flächenverbrauch hätten mehr Bäume erhalten werden können. Eine Berücksichtigung des großen, alten Baumbestands ist nicht erkennbar. Kein einziger Hinweis fand sich dazu in der Akte außer der Floskel im Protokoll der Baukommission („Baumbestand ist zu würdigen“).

Vernachlässigung der Schutzzwecke des Baumschutzes

Fällungen dürfen nur genehmigt werden, wenn sie den Schutzzwecken des Baumschutzes nicht widersprechen, nämlich die Pflege und der Wiederaufbau des Stadt- und Landschaftsbilds (§ 1 Hamburger Baumschutzverordnung), außerdem der Erhalt der Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts, die Abwehr schädlicher Einwirkungen (wie Schadstoffe, Lärm und Wind) und die Bedeutung als Lebensstätte (§ 29 BNatSchG). Die drei erhalten gebliebenen und die – nach heutigem Stand – nur 24 zu pflanzenden jungen Bäume werden auf lange Zeit die Funktionen der ehemaligen Bäume mit großer Bewuchstiefe und Staffelung nicht ersetzen. Die starke Zunahme von Lärm und Wind (in Zeiten vermehrter und stärkerer Stürme) stellen für die Nachbarschaft erhebliche Beeinträchtigungen dar. Viele geschützte Arten haben ihren Lebensraum verloren. Die gemessen am ursprünglichen Grünvolumen eher symbolische Zahl von 24 Bäumen – richtig müssten die Menge an jungen Bäume ein Vielfaches der ehemaligen alten Bäume sein – offenbart die Vernachlässigung der Schutzzwecke.

7. Ungenügende Artenschutzprüfung

Das Bezirksamt Wandsbek hat eine ungenügende Artenschutzprüfung gebilligt. Eine Artenschutzprüfung ist bei entsprechender Relevanz (z.B. großer alter Baumbestand) Voraussetzung einer Fällgenehmigung. Im Detail siehe Seite „Artenschutz“.

8. Keine Festsetzung von Fledermaus- und Vogelnistkästen und einer Fäll- und Abrissbegleitung

Die Anbringung der  nur drei Vogelnistkästen und 5 Fledermauskästen ist nicht festgesetzt, sondern nur auf dem „kleinen Dienstweg“ zwischen der Fachamtsleiterin Sigrid Vossers und Deniz Karaday geregelt worden. Art-, standort- und typspezifische Besonderheiten bleiben dabei außen vor. Dass die einzelnen Vogel- und Fledermausarten unterschiedliche Bedürfnisse haben, findet keine Berücksichtigung. Gemessen am Verlust der verschiedenen Gebäude- und Baumquartiere ist die Anzahl völlig unzureichend. Entfallene Gebäudequartiere sollen wohl gar nicht ersetzt werden? Die fertiggestellten Häuser enthalten, soweit erkennbar, keine Gebäude-Nistkästen.

Während der Fällung war auch „Artenschutzgutachter“ Sven J. vor Ort. Auf informeller Grundlage begleitete er die Fällung und suchte mehr schlecht als recht nach überwinternden Igeln.

Im Detail siehe Seite „Artenschutz“.

9. Mangelnder Schutz und Schädigung von Bäumen während der Bautätigkeit

Die Bauherren haben es versäumt, (ausreichend) große Schutzzäune um Bäume aufzustellen. Um die beiden grenznahen Nachbarbäume sind keine Zäune aufgestellt worden. Mit Schreiben vom 16. März 2015 haben wir das Bezirksamt gebeten, die Aufstellung der Zäune durchzusetzen. Nichts ist passiert. Ferner haben die Bauherren im Kronenbereich geschützter Bäume und Hecken Grabungen vorgenommen und den Boden mit schwerem Gerät befahren und Boden abgelagert, so insbesondere im Umfeld der Nachbarbäume. Diese Verstöße gegen die Baumschutzverordnung und Auflagen der Fällgenehmigung sind Ordnungswidrigkeiten.

Baggerarbeiten nach Entfernen der Schutzzäune
Baggerarbeiten am Baum nach Entfernen der Schutzzäune
Aufschüttungen im Heckenbereich
Aufschüttungen im Heckenbereich

Als Konsequenz der Freistellung, der dadurch abrupt veränderten für die Fichten schädlichen Standortbedingungen (Sonne, Wind, Trockenheit), und schädigende Handlungen durch die Bauherren während der Bautätigkeiten, ist eine Fichte der Nachbarn inzwischen umgestürzt und eine zweite abgestorben. So haben die Bauherren nicht nur ihre eigenen Grundstücke von Bäumen gesäubert, sondern auch Nachbargrundstücke.

Umgestürzte Fichte der Nachbarn Abgestorbene Fichte der Nachbarn 

Auf ein Wort des Bedauerns vom Bezirksamt und den Bauherren Deniz Karaday und Olav Henry Dohrn werden wir wohl bis in alle Ewigkeit warten dürfen. Im Zweifelsfall versenden sie lieber Abmahnungen, wie hier in einem ähnlichen Fall.

Sind diese Fällgenehmigung und der praktizierte Baumschutz wirklich korrekt?

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