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Naturschützer engagieren sich, wo die Verwaltung versagt

Behörden halten sich an die Gesetze, oder? Selbstverständlich, sollte man meinen. Leider ist das, auch und gerade in Sachen Naturschutz, allzu oft nicht der Fall.

Die Naturschutzgesetze – der Eindruck drängt sich auf – sind bei der Verwaltung nicht immer in besten Händen. Sei es aus Unkenntnis, aus Bequemlichkeit, aus politischer Opportunität („Primat des Bauens“) oder weil das Amt der Versuchung nachgibt, zugunsten von Investoren auch mal ein bis zwei Augen zuzudrücken. Die Naturschutzverbände als Vertreter der Natur sind überlastet. Mit ihren begrenzten Mitteln müssen sie sich auf große Themen konzentrieren oder wollen vielleicht auch die Zusammenarbeit mit den Behörden nicht gefährden. Ein wenig beherzter und deutlicher dürften die Verbände schon auftreten, wenn sie die Natur erhalten wollen.

Deshalb ist der private Einsatz naturliebender Bürger, die sich vor Ort auskennen und engagiert für den Erhalt von Natur und für die eigentlich selbstverständliche Einhaltung unserer Gesetze kämpfen, so wichtig. Eine solche unermüdliche Kämpferin ist Gabriele März aus Frickingen im Bodenseekreis. Sie wurde bei der Recherche zu ihrem Fall auf diese Website aufmerksam, fragte uns um Rat, und seither stehen wir mit ihr in regem Kontakt.

Zauneidechse stoppt Erschließungsarbeiten

Gabriele März will sich nicht damit abfinden, dass die Gemeinde bei der Aufstellung des Bebauungsplans „Zum Sägebühl“ ohne Umweltprüfung und bei der Realisierung der Vorhaben das Artenschutzrecht verletzt. Das seit Jahren unbewohnte Kleinod in ihrer Nachbarschaft mit großen, alten Bäumen, einer kleinen Streuobstwiese, einem gesetzlich geschütztem Biotop am Aubach und alten ländlichen Gebäuden mit vielfältigen Nistplätzen für Vögel und vielleicht auch Fledermäusen wurde offenbar nur ungenügend untersucht, wie es der „Artenschutzrechtliche Kurzbericht“ vom 24. September 2015 befürchten lässt.

Der nur gut zwei Seiten lange Text betont gleich zu Beginn das Bedürfnis der Gemeinde, Wohnraum zu schaffen. Die einzige dokumentierte Begehung erfolgt im August 2015 ohne Nachweise geschützter Arten. Eine nächtliche Suche nach Fledermäusen gab es erkennbar nicht. Die Bäume werden nicht kartiert; nur einen Teil untersucht der Biologe auf Höhlen (ja, der Efeu versperre die Sicht…). Erst Monate später wirft er einen Blick in die Datenbank für Vögel ornitho.de. Schlüsse zieht er daraus anscheinend nicht. Weitere Recherchen zu Vögeln oder anderen Arten: offenbar Fehlanzeige. Zu Reptilien heißt es in dem Bericht lapidar „Trotz geeigneter Witterung konnten hier keine Hinweise auf Reptilien oder andere relevante Arten erbracht werden.“ Wie gut, dass Gabriele März genauer hinsieht: Sie findet und dokumentiert Zauneidechsen, diverse Vogelarten (Stare, Haus- und Gartenrotschwänze, Kleiber, Haussperlinge, sogar Rotmilan und Turmfalke), beobachtet nächtens Fledermäuse u.v.m.

Die alten Bäume werden am 15. März 2016 gefällt. Auch eine regelmäßig von Eichhörnchen als Brutbaum genutzte Blautanne fällt, soweit erkennbar, ohne vorherige Untersuchung. Eichhörnchen bringen ihre Jungen bereits im Januar/Februar zur Welt. Es steht zu befürchten, dass Eichhörnchenjunge bei der Fällung getötet wurden. Gabriele März gibt nicht auf. Sie mobilisiert Naturschutzbehörden bis hin zum Baden-Württembergischen Umweltministerium und kann einen Baustopp erreichen. Jetzt wird hoffentlich die von Anfang an gebotene Untersuchung nachgeholt. Dieser Kampf für die Natur rief auch die Presse auf den Plan, hier der Bericht im Südkurier. Wir sagen „herzlichen Glückwunsch, liebe Gabi“ und wünschen weiterhin viel Erfolg!

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Gabriele März.

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Bauamt und Investoren: ziemlich beste Partner

Es klingt doch sehr harmonisch: Ein „optimales Zusammenwirken von Bauherrn, Planer und Bezirksamt“. Dies ist eines der erklärten Ziele des „Vertrag für Hamburg – Wohnungsneubau“ zwischen dem Hamburger Senat und den Bezirken. Unter Punkt 4 Genehmigungsverfahren heißt es weiter: „Investoren sind auf zügige, transparente und verlässliche Genehmigungsverfahren angewiesen. Daher werden die Bezirksämter die Zusammenarbeit mit den Wohnungsbauinvestoren intensivieren.“ Gegen eine intensive Zusammenarbeit mit Investoren ist nichts einzuwenden, wenn sie objektiv und sachgerecht ist und auf dem Boden von Recht und Gesetz erfolgt. Was aber passiert, wenn „optimales Zusammenwirkenausufert (bis hin zur behördlichen Manipulation eines Gutachtens), das offenbart auf krasse Weise der Fall des Bauvorhabens „Beim Farenland 42-46“ in Farmsen-Berne.

Neubau Siedlung Beim Farenland 42-46Haus für Haus frisst sich das überdimensionierte Vorhaben in das Viertel hinein; mit jedem fertiggestellten Gebäude wird deutlicher, was für ein massiver Fremdkörper hier entsteht. Für die viel zu intensive Nutzung des Grundstücks mussten nahezu alle Bäume des vormals waldartigen Grundstücks weichen. Die Folgen dieser fragwürdigen Maßnahmen tragen die Nachbarn und auch die künftigen Bewohner selbst in Form von unzumutbaren Störungen: von der bisher ungekannten weiträumigen Verbreitung des Verkehrslärms der Straße Beim Farenland über die Lärmemissionen der 15 dicht stehenden Wohneinheiten und des Autoverkehrs bis tief in den Baublock hinein bis zum stark erhöhten Winddruck auf dem Baugrundstück und darum herum infolge der Rodungen.

Reibungslose schnelle Genehmigung

Gegen ein schnelles Genehmigungsverfahren ist nichts einzuwenden. Bemerkenswert beim Bauvorhaben Beim Farenland 42-46 ist allerdings das Zusammentreffen von

  • Geschwindigkeit des Verfahrens (nur dreieinhalb Monate von der Ersteinreichung am 2. Oktober 2014 bis zur Genehmigung am 19. Januar 2015, und nur ca. 2 Monate ab Vollständigkeit aller Unterlagen (am 11. November 2014 waren laut Bezirksamt noch umfangreiche Nachforderungen offen),
  • geringen Abstrichen beim Bauantrag (aus drei Zufahrten wurden zwei Zufahrten und ein Weg, ansonsten genehmigt wie beantragt),
  • großzügigen Befreiungen, auf die die Bauherren keinen Anspruch gehabt hätten (da mag das Bezirksamt noch so sehr auf angeblich „prägenden Vergleichsfällen“ beharren und sogar Falschinformationen über die Bebauung von Nachbargrundstücken verbreiten – ein Blick auf das Luftbild offenbart die fehlende Vergleichbarkeit der großen Baugrundstücke mit Nachbargrundstücken); die Befreiungen sind zudem rechtswidrig, weil sie den Bebauungsplan aushebeln (Präzedenzfall für künftige Bebauungen),
  • rücksichtsloser Bebauung: zwei fast 100 m lange, verbundene Zufahrten führen zu unzumutbaren Lärmbelästigungen, erdrückende Wirkung der Wand aus drei Einfamilienhäusern nur 6,50 m von der Grundstücksgrenze entfernt, und
  • groben Verletzungen von Naturschutzrecht (Baum- und Artenschutz, siehe unten).

Bei weitem nicht jeder Bauherr im Bezirk Wandsbek kommt in den Genuss einer derart zuvorkommenden Bearbeitung seines Bauantrags. Optimales Zusammenwirken!

Nachbarn bitte draußen bleiben

Nachbarn hatten es nicht so leicht. Ihre Anliegen waren beim Bezirksamt Wandsbek unerwünscht. Antworten bekamen sie entweder gar nicht, verspätet oder sehr spärlich, oft erst auf Nachhaken, zuweilen in einem geringschätzigen Ton (siehe dazu auch „Ignorieren, mauern, abwimmeln …“).

Auch Mitglieder der Bezirksversammlung beklagten den fehlenden Zugang zur Bauprüfabteilung („gestörter Informationsfluss“). Man munkelt, die Bezirksamtsleitung habe einen „Maulkorb“ verhängt.

Baumschutz? Fehlanzeige!

Die Hamburger Baumschutzverordnung verbietet die Fällung von Bäumen. Nur im Ausnahmefall können Fällgenehmigungen erteilt werden, etwa wenn ein Baum ein zulässiges Bauvorhaben behindert und nicht von besonderer Bedeutung ist. Die Bebauung ist so anzuordnen, dass Bäume weitestgehend erhalten bleiben. Für Wege und Zufahrten, die verlegt werden können, dürfen keine Bäume gefällt werden. Die Verstöße in diesem Fall:

  • Erfassung und Bewertung des Baumbestands waren fehlerhaft (siehe kommentierte Übersicht);
  • Alibi-Überprüfung des Baumbestands durch das Bezirksamt während der Fällungen;
  • es gab keine baumerhaltenden (Um-)Planungen, siehe Baumlageplan;
  • nicht einmal Bäume auf unbebauten Flächen wurden erhalten, siehe Baumlageplan;
  • zu geringer Ersatzbedarf (fehlende Bäume, zu niedrige Bewertungen);
  • fehlerhafte Umsetzung: aus 66 Ersatzbäumen sollen 24 Bäume und gut 600 m Hecke werden.

Hier ausführlich dokumentiert: Die Versäumnisse beim Baumschutz.

Verletzung des Artenschutzrechts

Das Bundesnaturschutzgesetz („BNatSchG“) enthält Verbote zum Schutz besonders geschützter Tier- und Pflanzenarten. Dazu zählen insbesondere die Zugriffsverbote des § 44 (1) BNatSchG: Tötungsverbot, Störungsverbot, Schädigungsverbot von Fortpflanzungs- und Ruhestätten, Entnahmeverbot (Pflanzen). Bei Baumaßnahmen beschränken sich die Verbote auf europäisch geschützte Arten, wie Fledermäuse oder europäische Vogelarten.

Mit einer Artenschutzprüfung muss abgeklärt werden, ob Zugriffsverbote verletzt werden. In diesem Fall ist keine Artenschutzprüfung durchgeführt worden. Die Beobachtungen des Biologen Sven J. stellen nicht ansatzweise eine Artenschutzprüfung dar. Das „Gutachten“ in der Fassung vom 1. Dezember 2014 (hier im Original) und vom 18. Januar 2015 ist – auch für Laien ohne weiteres ersichtlich – mangelhaft. Fazit: Mit Billigung des Bezirksamts Wandsbek ist eine Artenschutzprüfung unterblieben.

Lesen Sie hier im Detail: Amtlich unterstützte Naturzerstörung statt Artenschutzprüfung.

Hinweise der Fachaufsicht missachtet

Für den besonderen Artenschutz ist die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) zuständig, (heute die Behörde für Umwelt und Energie (BUE)). Die BSU hat das Bezirksamt Wandsbek im Herbst 2014 aufgefordert, ihr das Gutachten vor Genehmigung zur Prüfung und Abstimmung vorzulegen. Daran hat sich das Bezirksamt nicht gehalten.

Nach der Fachaufsichtsbeschwerde (PDF) der Bürgerinitiative vom 7. Januar 2015 hat die BSU das Bezirksamt Wandsbek mit klaren Arbeitsaufträgen am 8. und 13. Januar 2015 aufgefordert (siehe hier und hier), eine Nachuntersuchung durch einen anerkannten Gutachter durchführen zu lassen. Auch das hat das Bezirksamt missachtet und schon am 19. Januar 2015 eine notdürftig überarbeitete Fassung des „Gutachtens“ vom selben Autor ohne erneute Untersuchung akzeptiert. Die BSU wurde vom Bezirksamt lediglich nachträglich informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt. Am nächsten Morgen vor 7 Uhr begann die Rodung. Die spontanen Nachuntersuchungen durch das Bezirksamt und die BSU, die während der laufenden Rodung hektisch am Vormittag stattfanden, sollten – ja, was eigentlich? Versäumnisse der fragwürdigen „Begutachtung“ nachholen? Unter diesen Umständen wohl kaum ernsthaft möglich. Die behördliche Vorgehensweise in letzter Minute legitimieren? Jedenfalls gibt es hierüber kein Protokoll, keine genauen Auskünfte, und nichts davon hat Eingang in die Akten gefunden.

Das Bezirksamt Wandsbek diktiert das „Artenschutzgutachten“

150120_Mail WBZ TeaserUnd als wäre das Bisherige nicht schon unglaublich genug: Noch am 20. Januar 2015, dem Tag der Rodung, diktierte das Bezirksamt dem „Gutachter“ in die Feder, wie sein „Gutachten“ nachträglich zu korrigieren sei. Das hat dieser brav umgesetzt und eine zweite Fassung seines „Gutachtens“ vom 18. Januar 2015 nachgereicht.

Man mag sich fragen, welche Art des „optimalen Zusammenwirkens“ dazu führt, dass das Bezirksamt Wandsbek, statt die Einhaltung des Artenschutzrechts sicherzustellen, Investoren dabei unterstützt, selbiges zu brechen und in größter Eile mit der Rodung des Grundstücks die Beweise zu vernichten.

Akteneinsicht verweigert

Die Umweltinformationsgesetze des Bundes und Hamburgs setzen EU-Recht in Deutschland um. Der Zugang der Öffentlichkeit zu umweltbezogenen Informationen soll dazu beitragen, das Umweltbewusstsein zu schärfen, den Umgang von Behörden mit Offenheit und Transparenz auszubauen und damit letztlich den Umweltschutz zu verbessern. Das Bezirksamt Wandsbek hat offenkundig noch Nachholbedarf bei der erwünschten Transparenz:

  • Im Januar 2015 hat die BSU mit Regieanweisungen des Bezirksamts Wandsbek zunächst unter Berufung auf den Datenschutz Betroffener und wegen der privaten Beauftragung die Herausgabe der „Gutachten“ abgelehnt; dann nach nochmaliger Überprüfung die Informationen geliefert.
  • Das Bezirksamt Wandsbek hat den Antrag aus dem März 2015 auf Einsicht in die Naturschutzakten, mit der wir die Entwicklung des nachgebesserten „Gutachtens“ nachvollziehen wollten, unter Berufung auf Datenschutz Betroffener abgelehnt.

Die Ablehnung des Bezirksamts verletzt nicht nur Informationsrechte. Sie wirft auch Fragen nach den wahren Motiven der Geheimniskrämerei auf. Wer einwandfrei handelt, braucht eine Akteneinsicht nicht zu fürchten.

Mit unserer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff und weitere Leitungsmitglieder setzen wir auf eine Aufklärung und Ahndung der Verstöße.

Bildnachweis: Klicker / pixelio.de

Toilettenpapierrolle mit Text Artenschutz-Gutachten

Artenschutz MISSachten per GUTachten

Wie kann ein fachlich mangelhaftes, offenkundig unzureichendes Artenschutzgutachten vom Bezirksamt als Grundlage für Fäll- und Baugenehmigung akzeptiert werden? Weil es anscheinend niemanden in der Behörde wirklich interessiert und als reine Formsache abgehakt wird. Bäume auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46 Vor der Rodung am 20. Januar 2015 waren die waldartigen, mit mehr als 60 zum Teil sehr alten Bäumen, Sträuchern und Junggehölzen bewachsenen knapp 5.500 qm großen Grundstücke Beim Farenland 42-46 ca. 30 Jahre weitgehend sich selbst überlassen. Auf den Grundstücken befanden sich im erheblichem Umfang liegendes und stehendes Totholz, Holzstapel und Höhlenbäume. Diese Fotos vermitteln einen Eindruck vom ursprünglichen Zustand. Nachbarn und der ehemalige Eigentümer haben viele Tiere beobachtet: u.a. verschiedene Fledermausarten, Siebenschläfer, Eichhörnchen, Igel, Waldeidechse, Erdkröte, Teichmolch, Gras- und Teichfrosch (Laichgewässer auf dem Grundstück und auf Nachbargrundstücken vorhanden), Waldkauz, Mittel-, Schwarz-, Grün- und Buntspecht, Gartenrotschwanz, Grauschnäpper, Mönchsgrasmücke, Haussperling, Kleiber, Schwanz-, Hauben-, Tannen-, Weidenmeise, Singdrossel, Türkentaube, Waldlaubsänger, Wald-, Gartenbaumläufer, Sommer-, Wintergoldhähnchen, Zaunkönig, Zeisig. [Die hervorgehobenen Tiere sind europäisch geschützt.]

Bei Bauvorhaben sind die Regeln des besonderen Tier- und Pflanzenartenschutzes (§ 44 BNatSchG) hinsichtlich europäisch geschützter Arten zu beachten: praktisch alle europäischen Vögel nach der Vogelschutzrichtlinie und Pflanzen und Tiere des Anhangs IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Verboten sind: 1) Tötung und Verletzung von Individuen; 2) Störung der lokalen Population (keine Verschlechterung des Erhaltungszustands); 3) Beschädigung/Zerstörung von Fortpflanzungs- oder Ruhestätten. Das gilt nicht, wenn die ökologische Funktion im räumlichen Zusammenhang weiterhin erfüllt wird; 4) Beschädigung/Zerstörung von Pflanzen oder Pflanzenstandorten.

Wann ist eine Artenschutzprüfung erforderlich?

Der ehemalige Zustand der Grundstücke mit vielen Bäumen, Totholz, Baumhöhlen und alten Gebäuden ließ wahrscheinlich erscheinen, dass geschützte Arten oder ihre geschützten Lebensstätten auf den Grundstücken vorhanden sind. Zur Feststellung musste deshalb eine Artenschutzprüfung durchgeführt werden. Die Bürgerinitiative hatte frühzeitig darauf hingewiesen, damit hier überhaupt etwas passiert. Deniz Karaday und Olav Henry Dohrn konzentrierten sich auf die vollständige Freimachung des Grundstücks. Ihre im September 2014 mit dem Fällantrag für sämtliche Bäume beim Bezirksamt eingereichte Baumerfassung war lausig und lückenhaft. Auch ihr Partner EdelSteinhaus machte Druck bei der Behörde zur Beschleunigung der Fällgenehmigung. Mit Artenschutz hatten die Baubeteiligten hingegen nichts am Hut. Mehrfach musste das Naturschutzreferat die Bauherren auffordern, ein Artenschutzgutachten vorzulegen, zuletzt Ende Oktober 2014. So machten diese sich gezwungenermaßen auf die Suche nach einem Gutachter für das Artenschutzgutachten. Bereits am 3. November 2014 fand die erste Begehung durch den beauftragten Biologen statt. Der ist zwar kein von der BSU empfohlener Artenschutzprüfer. Das macht aber nichts, denn sowohl das Bezirksamt Wandsbek (untere Naturschutzbehörde) und als auch die BSU (Oberste Naturschutzbehörde) akzeptieren auch andere Gutachter, sogar unabhängig von ihrer Erfahrung oder der Qualität ihrer Gutachten.

Das „Artenschutzgutachten“

Eine Artenschutzprüfung soll abklären, ob geschützte Arten oder ihre Lebensstätten (Fortpflanzungs- und Ruhestätten) auf den Grundstücken vorhanden und von dem Bauvorhaben betroffen sein können. Selbstverständlich ist, dass eine Artenschutzprüfung eine ökologische und keine gärtnerische Untersuchung ist. In seinem katastrophalen, nur zweiseitigen „Gutachten“ vom 1. Dezember 2014 zieht der Biologe gleich zu Beginn eine Art Fazit im Sinne der Bauherren:

Auch um die weitere Verwahrlosung des Gartengeländes zu verhindern, bietet sich die Bebauung an, da auf dem Grundstück schon eine Vermüllung mit Gartenabfällen aus den Nachbargrundstücken festzustellen ist.“

Unterschlupf für Tiere auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46
So genannter „Müll“

Eine Wahrnehmung, die sich niemandem erschließt, der die Grundstücke jemals gesehen hat, die Beschreibung ist schlicht falsch und fachlich unqualifiziert. Mit dem „Müll“ – eine erstaunliche Wortwahl für einen Biologen – meint er offenbar alte, schon teilweise in Humus übergegangene Komposthaufen des ehemaligen Eigentümers. Identische falsche Verdächtigungen ins Blaue hinein kamen auch von Olav Henry Dohrn auf der Website der Bürgerinitiative. Der Biologe trifft in seinem „Gutachten“ noch weitere abenteuerliche, ökologisch neben der Sache liegende Feststellungen:

  • Der Garten ist nicht bewirtschaftet und gepflegt, abgestorbene Äste sind nicht entfernt worden.
  • Beetumrandungen sind verschwunden.
  • Ursprüngliche Rasenflächen sind kaum noch mit Gras bedeckt.
  • Die Nadelbäume beschatten einen großen Teil des Grundstücks. Dadurch ist kaum Unterwuchs möglich.
  • Die Flächen können durch sinnvoll angelegte neue Gärten aufgewertet werden. Ein Lebensraum für standorttypische Arten kann dadurch geschaffen werden, dass man die Ruderalfläche in bewirtschaftetes sonniges Gartengelände zurückführt.
  • Die geplante Entwicklung des Geländes ist aus biologischer Sicht zu befürworten.

Der Gutachter empfiehlt also mit anderen Worten die „Aufwertung“ des schattigen, ungepflegten Geländes in sonnige und baumfreie Gartenflächen. Leider wird es bei der geplanten Kleinst-Parzellierung und dichten Bebauung keine nennenswerten Gartenflächen geben. Seine Bewertung waldiger Standorte ist grotesk. Da kann man nur hoffen, dass der tüchtige Biologe nicht einmal die besonders schattigen Buchenwälder beurteilen muss und damit etwa dem UNESCO-Weltnaturerbe im Müritz Nationalpark per Gutachten den Garaus macht …


So etwas Schlechtes habe ich noch nie gesehen!

So urteilte eine erfahrene Artenschutzprüferin über das „Gutachten“. Das sei eine Schande für den ganzen Berufsstand.


Der Gutachter stützt seine Beobachtungen auf vier Begehungen am 3., 8., 22. und 28. November 2014. Seriöse Artenschutzprüfer lehnen eine auf den November beschränkte Prüfung ab. Gesehen haben will er nur sieben ubiquitäre Vogelarten (Rabenkrähe, Ringeltaube, Eichelhäher, Elster, Schwarzdrossel, Rotkehlchen, Kohlmeise), Eichhörnchen und die Hausratte. Dass letztere gemeinhin als ausgestorben gilt und er wohl die Wanderratte meinte, ist nur ein Randaspekt angesichts der groben Fehler und Versäumnisse des „Gutachtens“. Zugvögel und Tiere in Winterquartieren konnte er natürlich nicht antreffen, worauf er mit keinem Wort eingeht. Dass er die früher regelmäßig auf den Grundstücken zu sehenden Spechte und anderen Vögel nicht entdecken konnte, verwundert nicht. Das „Gutachten“ strotzt nur so von Fehlern und Widersprüchen:

  • Die Grundstücke befinden sich nicht in einem Schutzgebiet der Vogelschutz- oder Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Das ist per se richtig, nur erschöpft sich darin nicht der Schutz der Richtlinien. Das Schutzregime der Richtlinien besteht aus zwei Säulen: 1) der Erhaltung von Habitaten durch die Errichtung von Schutzgebieten und 2) dem Schutz der genannten Arten und bestimmten Lebensstätten ohne geografische Einschränkung (also auch außerhalb der Schutzgebiete).

Alter Gartenteich auf dem Grundstück Beim Farenland 42-46
Alter Gartenteich … voller Wasser
  • Das mit Laub gefüllte Wasserbecken steht Amphibien nicht zur Verfügung.

Das Becken war nicht trocken. Äste erleichterten den Ein- und Ausstieg. Folglich erfüllte es seine Funktion als Laichgewässer.

  • Es gibt dort keine Nistmöglichkeiten für höhlenbrütende Vögel oder Fledermäuse. Nester im Unterwuchs hat er nicht gesehen.

Irrtum, es gab diverse Baumhöhlen sowie eine Vielzahl an Nistplätzen am Boden, in den Sträuchern und Bäumen. Kobel hat er natürlich auch nicht gesehen, das Totholz nicht berücksichtigt. Andererseits führt er aus

  • dass Insektenhotels den Verlust diverser toter Bäume ausgleichen und
  • dass  keine besonderen Nahrungsangebote vorhanden sind, die nicht durch die neuen Gärten ersetzt werden.

Eine sonderbare Feststellung angesichts der vielen vorhandenen Brombeersträucher, Holunder, Hasel und Obstbäume. Heute, nach dem Kahlschlag, herrscht auf den Grundstücken tatsächlich die im „Gutachten“ beschriebene Artenarmut. Manchmal sind noch die beiden Ringeltauben dort anzutreffen, wo einmal der Baum mit ihrem Nest stand. Dabei hatte doch Olav Henry Dohrn so vollmundig versprochen „Kein Tier und kein Baum wird verdrängt“.

Sachkundige Prüfung oder Narrenfreiheit?

Wie konnte das Bezirksamt ein „Gutachten“ akzeptieren, das so offenkundig fehlerhaft ist? Diese Sachkunde dürfte man vom WBZ und insbesondere dem Naturschutzreferat erwarten. Bei den aufgelisteten Tieren hat jemand handschriftlich „Igel?“ angemerkt. Bei dieser Notiz hat man es dann aber auch bewenden lassen, schließlich bestätigt der Gutachter doch, „dass von einer Gefährdung geschützter Arten nicht auszugehen ist.“ Das wird gern vom Sachbearbeiter mit einer Markierung versehen – und schon ist man fertig. Dabei gilt auch hier der Amtsermittlungsgrundsatz.

Fachaufsichtsbeschwerde

Unsere Fachaufsichtsbeschwerde vom 7. Januar 2015 beanstandet die gravierenden Mängel des „Artenschutzgutachtens“. Ohne diesen Rechtsbehelf wäre es die einzige Grundlage für die Fällgenehmigung geblieben. Am 13. Januar 2015 teilte uns die Abteilung Naturschutz – Artenschutz der BSU mit, dass sich Bezirksamt Wandsbek und die BSU darauf verständigt hätten, „dass das Grundstück Farenland 42 vor der Baumfällung nochmals artenschutzrechtlich überprüft wird, um auszuschließen, dass geschützte Arten zu schaden kommen. Das Ergebnis können Sie beim Bezirksamt erfragen.“ Schild Zutritt verbotenSeit dem 20. Januar 2015 versuchen wir vom Bezirksamt Wandsbek und dem Amt für Natur- und Ressourcenschutz Informationen über die Nachbegutachtungen zwischen 13. und 20. Januar 2015, das neue oder ergänzte Artenschutzgutachten und einen Bericht der von der BSU durchgeführten Prüfung zu bekommen. Bisher wird uns dies verweigert, siehe unser Schreiben vom 8. Februar 2015. [Update: inzwischen hat die BSU Informationen zur Verfügung gestellt.]

Weil die Behörde es sagt … Basta!

Wenn stattdessen Sigrid Vossers, Fachamtsleiterin des WBZ des Bezirksamts Wandsbek am 22. Januar 2015 schreibt: „Die von Ihnen wiederholt vorgebrachten artenschutzrechtlichen Tatbestände existieren so schlicht nicht. Das hat Ihnen die BSU ebenfalls mitgeteilt“, dann muss das qua amtlicher Deutungshoheit ja wohl so sein. Das Bezirksamt Wandsbek war ja schon mit dem „Gutachten“ vom 1. Dezember 2014 zufrieden. Und was zählen schon fotografische Belege und jahrelange Beobachtungen von Bewohnern und Nachbarn der Grundstücke gegen eine zementierte Behördenmeinung und ein schlampiges Gutachten.

Skandalös: Keine ausreichende Fällbegleitung durch Biologen

Bagger beim Abholzen Beim Farenland 42-46
Foto: Rainer Glitz

Die Fällgenehmigung enthält keine artenschutzrechtlichen Auflagen. Wozu auch, die im November im Winterquartier befindlichen Tiere – wie etwa Igel – wurden ja nicht gesehen! Auch die (vielleicht nicht nachdrücklich genug?) gegenüber dem Bezirksamt geäußerte Bitte der BSU „Ein Biologe überwacht die Bauarbeiten vor Ort, um evtl. Igel o.ä. retten zu können, die in Holzstapeln schlafen“ ist nicht adäquat umgesetzt worden. Zumindest ab Mittag war kein Biologe anwesend. Dafür gibt es viele Zeugen. Ein Bagger, dirigiert von Olav Henry Dohrn, befuhr in dieser Zeit fast das gesamte Gelände, brach Bäume um und riss zwei Gebäude ab. Es ist unverantwortlich, dass das Bezirksamt Wandsbek, die BSU und die Bauherren nicht wenigstens dafür Sorge getragen haben, dass Tiere in den Winterquartieren gerettet wurden.

Bildnachweis (Titel): Peter Röhl / pixelio.de

Igel

Igelfix – Der Tod hat einen Namen

An einem kalten Tag Mitte November lief er durch unseren Garten, direkt an der Grenze zu den Grundstücken Beim Farenland 42-46, dieser kleine Igel. Längst wäre es für ihn eigentlich an der Zeit gewesen, sich in den Winterschlaf zu begeben. Im Spätsommer geboren, war er mit rund 300 g Gewicht allerdings viel zu leicht, um den Winter ohne Hilfe zu überleben. Schnell war er eingefangen und, nachdem wir uns (u.a. beim Komitee für Igelschutz) informiert hatten und mit ihm beim Tierarzt waren, bei uns einquartiert. Wir nannten ihn „Igelfix“.

Igelfix
Igelfix (Originalbild)

Unsere Gesellschaft war nicht unbedingt nach seinem Geschmack, das angebotene Futter aber umso mehr. So nahm er kräftig zu; innerhalb eines Monats hatte er sein Gewicht mehr als verdoppelt. Mit guten 700 g konnte er nun in einer sicheren Behausung innerhalb unseres Gartenhauses in den Winterschlaf gehen. Nach dem Aufwachen und einigen weiteren Futterportionen kehrte Igelfix im Frühjahr in die Freiheit zurück. Wir freuten uns, ihn und seine Artgenossen später im Jahr hin und wieder in der Dämmerung umherstreifen zu sehen.

Ein perfektes Biotop Beim Farenland 42-46

Viel reizvoller als unser Garten war für ihn natürlich der halbe Hektar des verwilderten Nachbargrundstücks Beim Farenland 42-46. Ein schöneres Revier als so einen kleinen Wald mitten in Farmsen-Berne kann man sich als Igel kaum wünschen. Viele Insekten, Schnecken, Spinnen und was einem Igel sonst so schmeckt, kaum Störungen durch Menschen oder gar Autos und jede Menge Schlaf- und Nistplätze. Außerdem perfekte Bedingungen für den Winterschlaf! Igel legen ihre Winterschlafnester vorwiegend unter stützendem Astwerk an, etwa in Hecken, unter Bodendeckern, aber auch in Hohlräumen unter Garagen, Schuppen, Holzstapeln o.ä. (Quelle: www.pro-igel.de).

Wie viele solcher Plätze es dort gab, lassen die Fotos unschwer erkennen. Wenn man nur will. Allein über die Igel und deren Nistmöglichkeiten hätte ein qualifizierter Biologe wohl problemlos zwei Seiten schreiben können. Nicht so der Ersteller des „Artenschutgutachtens“, auf das Olav Henry Dohrn, gemeinsam mit Deniz Karaday Eigentümer der Grundstücke, so stolz ist. Dieses so genannte Gutachten von sehr fragwürdiger Güte umfasst insgesamt nur zwei Seiten, erwähnt die Betrachtung der Igelpopulation mit keinem Wort und hat einen seiner traurigen Höhepunkte in der absurden Feststellung: „Da keine Nistmöglichkeiten vorhanden sind, gehen auch keine Neststandorte verloren.“

Da das Bezirksamt Wandsbek sich (ungeachtet unserer Einwendungen) hiervon nur zu gern überzeugen ließ, kreischten am 20. Januar 2015 die Motorsägen und walzten die Bagger des Abbruchunternehmens Henry Dohrn Beim Farenland alles platt, was dort lebte.

Abbruchunternehmen Henry Dohrn

Schreibtischtäter

Ob es wohl leicht ist, solche folgenschweren Entscheidungen zu treffen? Ohne Not, ohne echte Rechtfertigung, rein nach formalen, schlecht abgeprüften Kriterien? So schwer scheint es nicht zu sein, wenn man vom Schreibtisch aus urteilt und sich hinter Aktendeckeln, Bescheiden und Formalien verschanzt. Die Lebens(!)-Wirklichkeit vor Ort kommt dabei über den Status eines Aktenvermerks nicht hinaus, vorgetragen von lästigen Bürgern, deren Störung des amtlich geregelten Laufs der Dinge es zu verhindern gilt.

Macht es die Entscheider im Bezirksamt Wandsbek vielleicht für einen kurzen Moment betroffen, wenn sie in das Gesicht eines Lebewesens (das nur ein Beispiel ist) sehen, das ihrem formalen Akt „Genehmigung“ wahrscheinlich zum Opfer gefallen ist? Vielleicht nicht einmal das, denn sie hatten ja hinter „Artenschutzgutachten“ brav einen Haken gemacht. Dann ist ja alles gut …

Jemandem wie dem Abbruchunternehmer Olav Henry Dohrn, der mit Zerstörung seinen Lebensunterhalt verdient, braucht man mit solchen Gefühlsduseleien wohl ohnehin nicht zu kommen. Und wie steht es mit seinem Mitgesellschafter Deniz Karaday? Haben Sie Kinder, Herr Karaday? Falls ja: Wie erklären Sie denen, dass Sie „aus geschäftlichen Gründen“ Tiere töten?

Für uns hat der Tod ein Gesicht. Und vier Pfoten. Und einen Namen.

[Nachtrag:] Aufgrund dieses Blogbeitrags und speziell wegen der Aussage im vorletzten Absatz zu getöteten Tieren ließen uns Olav Henry Dohrn und Deniz Karaday (erfolglos) durch ihre Rechtsanwälte abmahnen – mit der fünften Abmahnung aus der Reihe „Wie wir versuchen, unliebsame Kritiker zum Schweigen zu bringen.“