Schlagwort-Archive: Baugenehmigung

Änderungen der Hamburgischen Bauordnung – kann der Baumschutz profitieren?

Bauen und Baumschutz sind keine natürlichen Freunde. So wie Hund und Katze sprechen sie von Natur aus unterschiedliche „Sprachen“ und haben teils gegenläufige Interessen. Doch sie können lernen, gut miteinander auszukommen und sogar voneinander zu profitieren. Bei den Tieren ist es eine Frage der Erziehung, beim Baumschutz könnten die aktuellen Änderungen der Hamburgischen Bauordnung (HBauO) für Besserung sorgen.

Die Änderungen sind am 1. Mai 2018 in Kraft getreten; sie setzen zum einen europarechtliche Anforderungen um, zum anderen sollen sie den Wohnungsbau erleichtern. So bekommt die Bauordnung neue Regelungen zum Bauen mit Holz, verbessert die Möglichkeiten für Dachausbauten und Aufstockungen und erweitert den Rahmen von Erschließungen über Privatwege.

Baumschutz wieder Teil des vereinfachten Genehmigungsverfahrens

Eine Änderung ist aus Sicht des Naturschutzes sehr zu begrüßen: die Baumschutzprüfung wird wieder Bestandteil des vereinfachten Genehmigungsverfahrens. § 61 HBauO, der das vereinfachte Genehmigungsverfahren regelt, wird in den Absätzen 2 und 3 um die folgenden Bestimmungen (s. Hervorhebung) zum Baumschutz ergänzt:

(2) Die Bauaufsichtsbehörde prüft
(…)
2. die Einhaltung der Anforderungen der §§ 4, 6 und 10, des § 16 im Hinblick auf schädliche Bodenveränderungen oder Altlasten im Sinne von § 2 des Bundesbodenschutzgesetzes vom 17. März 1998 (BGBl. I S. 502), zuletzt geändert am 31. August 2015 (BGBl. I S. 1474, 1491), in der jeweils geltenden Fassung, der §§ 52 und 68 sowie der Baumschutzverordnung vom 17. September 1948 (Sammlung des bereinigten hamburgischen Landesrechts I 791-i), zuletzt geändert am 11. Mai 2010 (HmbGVBl. S. 350, 359), in der jeweils geltenden Fassung,
(3) Über den Antrag ist innerhalb einer Frist von zwei Monaten nach Eingang der vollständigen Unterlagen zu entscheiden. Die Bearbeitungsfrist verkürzt sich auf einen Monat für Gebäude der Gebäudeklassen 1 bis 4, die
(…)
8. keiner Zulassung einer Ausnahme nach den Vorschriften der Baumschutzverordnung bedürfen.

Eine frühzeitige Baumschutzprüfung nützt dem Bauherrn. Schon mancher wurde böse überrascht, als er spät erkannte, dass er neben der Bau- auch noch eine Fällgenehmigung benötigt oder in selteneren Fällen sein Vorhaben an der Versagung einer Fällgenehmigung scheitert. Künftig wird innerhalb der zweimonatigen Genehmigungsfrist auch über Baumfällungen entschieden. Allerdings gibt es keine garantierte Verkürzung der Baugenehmigungsfrist auf einen Monat mehr, wenn für das Vorhaben eine Fällgenehmigung benötigt wird.

Einbeziehung von Bäumen bereits in die Bauprüfung

Diese Änderung ist auch und gerade ein wichtiger Schritt zur Stärkung des Baumschutzes. Ein Großteil der Baugenehmigungen wird im vereinfachten Verfahren erteilt. Die bisherige Bauprüfung umfasste zwar die Einhaltung von „Grünfestsetzungen“ von Bebauungsplänen (Anpflanzung oder Erhalt von Bäumen oder anderen Pflanzen), nicht aber den Schutz von Bäumen nach der Baumschutzverordnung.

Nicht selten werden baubedingt Bäume ohne die erforderliche Fällgenehmigung gefällt, sei es aus Unkenntnis oder vorsätzlich. Entscheidend ist, dass durch die bisherige Trennung beider Verfahren wichtige Gestaltungsmöglichkeiten vertan wurden. Die Bebauung wurde gewissermaßen am Reißbrett („tabula rasa“) ohne existierende Bäume geprüft und genehmigt. Kollidierten Bäume mit dem Bau, mussten sie in der Regel weichen. Die künftige frühe Berücksichtigung des Baumbestands ermöglicht es, dem Baumschutz effektiv Rechnung zu tragen und Konflikte schon im Baugenehmigungsverfahren zu lösen, etwa durch zumutbare Umplanungen. Durch geschickte Anordnung von Gebäuden und sonstigen baulichen Anlagen (z. B. Zufahrten und Stellplätze) oder eine schonende Bauausführung kann versucht werden, Bäume zu erhalten, was mit gutem Willen und etwas Kreativität vielfach machbar ist. Hier wird es allerdings entscheidend auf die Praxis in den Bezirksämtern ankommen. Bisher konnten sich Naturschutzreferate mit ihren Belangen oft nicht gegen Bauprüfer durchsetzen – sicherlich auch der Top-Priorität „Wohnungsbau“ des Hamburger Senats geschuldet.

Grünfraß stoppen: Grünkonzepte in die Bebauungspläne!

Über diese Änderung hinaus besteht Handlungsbedarf, übergreifende Grünkonzepte in Bebauungsplänen zu verankern, wie es § 9 (1) Nr. 25 BauGB vorsieht. Davon ist man in Hamburg weit entfernt. Große Teile der Stadt sind noch mit einfachen Bebauungsplänen aus der Nachkriegszeit überplant, die zum Naturschutz schweigen. So werden Entscheidungen von Einzelfall zu Einzelfall getroffen, ohne zu berücksichtigen, was nächstes Jahr oder 100 Meter weiter passiert. Wozu das führt, zeigen eindrücklich der Fall Beim Farenland 42-46 in Farmsen-Berne und die unmittelbare Umgebung: allein für zwei benachbarte Bauprojekte auf zusammen rund 7.000 m2 großen Baugrundstücken wurden innerhalb von nur drei Jahren 120 Bäume gefällt, plus diverse alte Obstbäume, Großsträucher und Baumaufwuchs.


Weiterführende Links: „Neue Hamburgische Bauordnung erleichtert den Wohnungsbau“ – Mitteilung und Präsentation der Stadtentwicklungsbehörde.

Werbeanzeigen

Bauamt und Investoren: ziemlich beste Partner

Es klingt doch sehr harmonisch: Ein „optimales Zusammenwirken von Bauherrn, Planer und Bezirksamt“. Dies ist eines der erklärten Ziele des „Vertrag für Hamburg – Wohnungsneubau“ zwischen dem Hamburger Senat und den Bezirken. Unter Punkt 4 Genehmigungsverfahren heißt es weiter: „Investoren sind auf zügige, transparente und verlässliche Genehmigungsverfahren angewiesen. Daher werden die Bezirksämter die Zusammenarbeit mit den Wohnungsbauinvestoren intensivieren.“ Gegen eine intensive Zusammenarbeit mit Investoren ist nichts einzuwenden, wenn sie objektiv und sachgerecht ist und auf dem Boden von Recht und Gesetz erfolgt. Was aber passiert, wenn „optimales Zusammenwirkenausufert (bis hin zur behördlichen Manipulation eines Gutachtens), das offenbart auf krasse Weise der Fall des Bauvorhabens „Beim Farenland 42-46“ in Farmsen-Berne.

Neubau Siedlung Beim Farenland 42-46Haus für Haus frisst sich das überdimensionierte Vorhaben in das Viertel hinein; mit jedem fertiggestellten Gebäude wird deutlicher, was für ein massiver Fremdkörper hier entsteht. Für die viel zu intensive Nutzung des Grundstücks mussten nahezu alle Bäume des vormals waldartigen Grundstücks weichen. Die Folgen dieser fragwürdigen Maßnahmen tragen die Nachbarn und auch die künftigen Bewohner selbst in Form von unzumutbaren Störungen: von der bisher ungekannten weiträumigen Verbreitung des Verkehrslärms der Straße Beim Farenland über die Lärmemissionen der 15 dicht stehenden Wohneinheiten und des Autoverkehrs bis tief in den Baublock hinein bis zum stark erhöhten Winddruck auf dem Baugrundstück und darum herum infolge der Rodungen.

Reibungslose schnelle Genehmigung

Gegen ein schnelles Genehmigungsverfahren ist nichts einzuwenden. Bemerkenswert beim Bauvorhaben Beim Farenland 42-46 ist allerdings das Zusammentreffen von

  • Geschwindigkeit des Verfahrens (nur dreieinhalb Monate von der Ersteinreichung am 2. Oktober 2014 bis zur Genehmigung am 19. Januar 2015, und nur ca. 2 Monate ab Vollständigkeit aller Unterlagen (am 11. November 2014 waren laut Bezirksamt noch umfangreiche Nachforderungen offen),
  • geringen Abstrichen beim Bauantrag (aus drei Zufahrten wurden zwei Zufahrten und ein Weg, ansonsten genehmigt wie beantragt),
  • großzügigen Befreiungen, auf die die Bauherren keinen Anspruch gehabt hätten (da mag das Bezirksamt noch so sehr auf angeblich „prägenden Vergleichsfällen“ beharren und sogar Falschinformationen über die Bebauung von Nachbargrundstücken verbreiten – ein Blick auf das Luftbild offenbart die fehlende Vergleichbarkeit der großen Baugrundstücke mit Nachbargrundstücken); die Befreiungen sind zudem rechtswidrig, weil sie den Bebauungsplan aushebeln (Präzedenzfall für künftige Bebauungen),
  • rücksichtsloser Bebauung: zwei fast 100 m lange, verbundene Zufahrten führen zu unzumutbaren Lärmbelästigungen, erdrückende Wirkung der Wand aus drei Einfamilienhäusern nur 6,50 m von der Grundstücksgrenze entfernt, und
  • groben Verletzungen von Naturschutzrecht (Baum- und Artenschutz, siehe unten).

Bei weitem nicht jeder Bauherr im Bezirk Wandsbek kommt in den Genuss einer derart zuvorkommenden Bearbeitung seines Bauantrags. Optimales Zusammenwirken!

Nachbarn bitte draußen bleiben

Nachbarn hatten es nicht so leicht. Ihre Anliegen waren beim Bezirksamt Wandsbek unerwünscht. Antworten bekamen sie entweder gar nicht, verspätet oder sehr spärlich, oft erst auf Nachhaken, zuweilen in einem geringschätzigen Ton (siehe dazu auch „Ignorieren, mauern, abwimmeln …“).

Auch Mitglieder der Bezirksversammlung beklagten den fehlenden Zugang zur Bauprüfabteilung („gestörter Informationsfluss“). Man munkelt, die Bezirksamtsleitung habe einen „Maulkorb“ verhängt.

Baumschutz? Fehlanzeige!

Die Hamburger Baumschutzverordnung verbietet die Fällung von Bäumen. Nur im Ausnahmefall können Fällgenehmigungen erteilt werden, etwa wenn ein Baum ein zulässiges Bauvorhaben behindert und nicht von besonderer Bedeutung ist. Die Bebauung ist so anzuordnen, dass Bäume weitestgehend erhalten bleiben. Für Wege und Zufahrten, die verlegt werden können, dürfen keine Bäume gefällt werden. Die Verstöße in diesem Fall:

  • Erfassung und Bewertung des Baumbestands waren fehlerhaft (siehe kommentierte Übersicht);
  • Alibi-Überprüfung des Baumbestands durch das Bezirksamt während der Fällungen;
  • es gab keine baumerhaltenden (Um-)Planungen, siehe Baumlageplan;
  • nicht einmal Bäume auf unbebauten Flächen wurden erhalten, siehe Baumlageplan;
  • zu geringer Ersatzbedarf (fehlende Bäume, zu niedrige Bewertungen);
  • fehlerhafte Umsetzung: aus 66 Ersatzbäumen sollen 24 Bäume und gut 600 m Hecke werden.

Hier ausführlich dokumentiert: Die Versäumnisse beim Baumschutz.

Verletzung des Artenschutzrechts

Das Bundesnaturschutzgesetz („BNatSchG“) enthält Verbote zum Schutz besonders geschützter Tier- und Pflanzenarten. Dazu zählen insbesondere die Zugriffsverbote des § 44 (1) BNatSchG: Tötungsverbot, Störungsverbot, Schädigungsverbot von Fortpflanzungs- und Ruhestätten, Entnahmeverbot (Pflanzen). Bei Baumaßnahmen beschränken sich die Verbote auf europäisch geschützte Arten, wie Fledermäuse oder europäische Vogelarten.

Mit einer Artenschutzprüfung muss abgeklärt werden, ob Zugriffsverbote verletzt werden. In diesem Fall ist keine Artenschutzprüfung durchgeführt worden. Die Beobachtungen des Biologen Sven J. stellen nicht ansatzweise eine Artenschutzprüfung dar. Das „Gutachten“ in der Fassung vom 1. Dezember 2014 (hier im Original) und vom 18. Januar 2015 ist – auch für Laien ohne weiteres ersichtlich – mangelhaft. Fazit: Mit Billigung des Bezirksamts Wandsbek ist eine Artenschutzprüfung unterblieben.

Lesen Sie hier im Detail: Amtlich unterstützte Naturzerstörung statt Artenschutzprüfung.

Hinweise der Fachaufsicht missachtet

Für den besonderen Artenschutz ist die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) zuständig, (heute die Behörde für Umwelt und Energie (BUE)). Die BSU hat das Bezirksamt Wandsbek im Herbst 2014 aufgefordert, ihr das Gutachten vor Genehmigung zur Prüfung und Abstimmung vorzulegen. Daran hat sich das Bezirksamt nicht gehalten.

Nach der Fachaufsichtsbeschwerde (PDF) der Bürgerinitiative vom 7. Januar 2015 hat die BSU das Bezirksamt Wandsbek mit klaren Arbeitsaufträgen am 8. und 13. Januar 2015 aufgefordert (siehe hier und hier), eine Nachuntersuchung durch einen anerkannten Gutachter durchführen zu lassen. Auch das hat das Bezirksamt missachtet und schon am 19. Januar 2015 eine notdürftig überarbeitete Fassung des „Gutachtens“ vom selben Autor ohne erneute Untersuchung akzeptiert. Die BSU wurde vom Bezirksamt lediglich nachträglich informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt. Am nächsten Morgen vor 7 Uhr begann die Rodung. Die spontanen Nachuntersuchungen durch das Bezirksamt und die BSU, die während der laufenden Rodung hektisch am Vormittag stattfanden, sollten – ja, was eigentlich? Versäumnisse der fragwürdigen „Begutachtung“ nachholen? Unter diesen Umständen wohl kaum ernsthaft möglich. Die behördliche Vorgehensweise in letzter Minute legitimieren? Jedenfalls gibt es hierüber kein Protokoll, keine genauen Auskünfte, und nichts davon hat Eingang in die Akten gefunden.

Das Bezirksamt Wandsbek diktiert das „Artenschutzgutachten“

150120_Mail WBZ TeaserUnd als wäre das Bisherige nicht schon unglaublich genug: Noch am 20. Januar 2015, dem Tag der Rodung, diktierte das Bezirksamt dem „Gutachter“ in die Feder, wie sein „Gutachten“ nachträglich zu korrigieren sei. Das hat dieser brav umgesetzt und eine zweite Fassung seines „Gutachtens“ vom 18. Januar 2015 nachgereicht.

Man mag sich fragen, welche Art des „optimalen Zusammenwirkens“ dazu führt, dass das Bezirksamt Wandsbek, statt die Einhaltung des Artenschutzrechts sicherzustellen, Investoren dabei unterstützt, selbiges zu brechen und in größter Eile mit der Rodung des Grundstücks die Beweise zu vernichten.

Akteneinsicht verweigert

Die Umweltinformationsgesetze des Bundes und Hamburgs setzen EU-Recht in Deutschland um. Der Zugang der Öffentlichkeit zu umweltbezogenen Informationen soll dazu beitragen, das Umweltbewusstsein zu schärfen, den Umgang von Behörden mit Offenheit und Transparenz auszubauen und damit letztlich den Umweltschutz zu verbessern. Das Bezirksamt Wandsbek hat offenkundig noch Nachholbedarf bei der erwünschten Transparenz:

  • Im Januar 2015 hat die BSU mit Regieanweisungen des Bezirksamts Wandsbek zunächst unter Berufung auf den Datenschutz Betroffener und wegen der privaten Beauftragung die Herausgabe der „Gutachten“ abgelehnt; dann nach nochmaliger Überprüfung die Informationen geliefert.
  • Das Bezirksamt Wandsbek hat den Antrag aus dem März 2015 auf Einsicht in die Naturschutzakten, mit der wir die Entwicklung des nachgebesserten „Gutachtens“ nachvollziehen wollten, unter Berufung auf Datenschutz Betroffener abgelehnt.

Die Ablehnung des Bezirksamts verletzt nicht nur Informationsrechte. Sie wirft auch Fragen nach den wahren Motiven der Geheimniskrämerei auf. Wer einwandfrei handelt, braucht eine Akteneinsicht nicht zu fürchten.

Mit unserer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff und weitere Leitungsmitglieder setzen wir auf eine Aufklärung und Ahndung der Verstöße.

Bildnachweis: Klicker / pixelio.de

Geldscheine auf einem Bauplan

Vertrag für Hamburg – Die Lizenz zum Bauen

Wann wird eine Baugenehmigung erteilt? Im Prinzip ist es ganz einfach: Ein Bauvorhaben muss den baurechtlichen und sonstigen Vorschriften entsprechen. Die Verwaltung kann in bestimmten, eng umrissenen Fällen Ausnahmen zulassen (Befreiung), natürlich im Rahmen der Gesetze. Wer noch fest ist in seinem Glauben an rechtsstaatliche Verfahren, stellt sich an dieser Stelle einen korrekten, beflissenen Beamten bzw. eine Beamtin vor, der oder die anhand der Vorschriften den Bauantrag objektiv auf Herz und Nieren prüft. So beginnt tatsächlich auch die Entscheidungsfindung beim Bauvorhaben Beim Farenland 42-46 im Bezirksamt Wandsbek.

Tag 1, Bauprüfung: „Nicht genehmigungsfähig!“

Das Votum der zuständigen Bauprüferin ist eindeutig: Für die Bauvorhaben seien wegen Flächenüberschreitungen keine Genehmigungen zu erteilen, so empfiehlt sie in ihrem Entscheidungsvorschlag vom 24.11.2014. Die zu bebauenden Flächen von 36 % der Grundstücksfläche in einem und 44 % im anderen Fall überschreiten gravierend die zulässigen 30 %. Wir reden hier in absoluten Zahlen von 220 + 253 = 473 m² Überschreitung des erlaubten Maßes. Das ist mal eben die Fläche von fünfeinhalb Einfamilienhäusern!

Die Bauprüferin weist außerdem auf den Bestand von 52 Bäumen hin. Sie hält auch fest, dass das Naturschutzreferat Umplanungen zum Erhalt wertvoller Gehölze gefordert habe.

Tag 2, Baukommission: „Passt schon!“

Einen Tag später tagt die Baukommission mit der Leitungsebene des Zentrums für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt (WBZ) des Bezirksamts und kommt zu ganz anderen Einschätzungen. Die fundierte Empfehlung der Bauprüferin wischt die Kommission kurzerhand vom Tisch. Das Ausmaß der Überschreitung wird nach einem eigenen, schwer nachvollziehbaren Begriffsverständnis als „geringfügig“ eingestuft. Wohlweislich, denn nur in einem solchen Fall kommt eine Befreiung in Betracht. Lapidar heißt es, die Befreiung sei städtebaulich vertretbar. Vergleichbare und darüber hinausgehende Überschreitungen seien in der Umgebung vorhanden. Welche genau, bleibt im Dunkeln.

Dass die Baugrundstücke um ein vielfaches größer sind als alle anderen Grundstücke in der Umgebung und die vereinzelten Grundstücke mit hoher Flächenüberschreitung deutlich kleiner sind als die Baugrundstücke, erwähnt man vorsichtshalber nicht. Ein Fehler, denn Ungleiches begründet keinen Gleichbehandlungsanspruch. Eine Befreiung darf nur im Ausnahmefall und aus begründetem Anlass erteilt werden. Das ist hier nicht der Fall – auf den beiden riesigen Grundstücken hätten ohne Probleme die Vorgaben des Bebauungsplans eingehalten werden können.

Abschließend behauptet die Baukommission, dass sich das Vorhaben einfüge. Schwer nachvollziehbar bei diesem unangemessenen Fremdkörper, den die dreireihige Bebauung auf 45 m Breite mit drei Gebäuden pro Reihe und zwei tiefen Stichstraßen in der Umgebung darstellt.

Der hübsche Textbaustein schließlich, der schützenswerte Baumbestand sei zu berücksichtigen, ist angesichts der „optimierten“ Flächenausnutzung und Zergliederung nicht mehr als ein Lippenbekenntnis für das Protokoll. Selbst alte Bäume außerhalb des fast grundstücksgroßen Baufensters durften gefällt werden, um den Wünschen der Investoren Rechnung zu tragen. Erhalten geblieben sind letztlich nur drei Bäume.

Randnotiz: Nach der Sitzung der Baukommission ist die ursprüngliche Bauprüferin für den Fall nicht mehr zuständig.

Die Baugenehmigungen werden also (mit unwesentlichen Nachforderungen) entgegen dem ursprünglichen und richtigen Prüfergebnis kurzerhand erteilt. Hier endet das Verständnis des geneigten Lesers und Bürgers, und zurück bleiben ernsthafte Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung. Der Bauausschuss der Bezirksversammlung war keine Hürde: mit der Mehrheit aus SPD und Grünen hat er das Vorhaben abgesegnet. Dem Anschein nach ohne ausreichende Beurteilungsgrundlage, gestützt auf das Protokoll der Baukommission.

Vertrag für Hamburg schafft „enorme Anreize, möglichst viele Baugenehmigungen zu erteilen“

Warum geht die Verwaltung so vor? Die naheliegende Erklärung lautet: Aus politischen Gründen. Das Bezirksamt ist der verlängerte Arm des Hamburger Senats, und dessen Vorzeigeprojekt „Wohnungsbauprogramm“ wird in den Bezirken umgesetzt. Dafür wurde eigens der „Vertrag für Hamburg“ aufgesetzt, der die Bezirke stark in die Pflicht nimmt. Die Zusammenarbeit mit Wohnungsbauinvestoren soll intensiviert, Entscheidungen schnell getroffen werden. Die monatlich zu erfolgende Meldung der erteilten Baugenehmigungen erzeugt hohen Druck, und je Genehmigung fließt eine Prämie von 250,- Euro in die Bezirkskassen, pro Jahr bis zu 1,5 Millionen Euro. Erst kürzlich beantragte die SPD in der Bürgerschaft, die bisherige Deckelung dieser Prämie abzuschaffen [Update: Was jetzt geschehen ist (September 2016). Nun also 2,5 Millionen Euro jährlich für die Bezirke]. „Das schafft enorme Anreize für die Bezirke, möglichst viele Baugenehmigungen zu erteilen“, so Dirk Kienscherf, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD.

Es steht zu befürchten, dass er Recht hat. Welche Risiken und Nebenwirkungen birgt ein solches System von Druck und Anreizen? Wie wirken sich die „enormen Anreize“ auf die neutrale, ergebnisoffene Bauprüfung aus? Ist es rechtsstaatlich unbedenklich, Prämien für den Erlass von Verwaltungsakten auszuloben? Ganz sicher steht der „Vertrag für Hamburg“ nicht über dem Gesetz, doch der politische Wille setzt deutliche Impulse. Neben den konkreten Verpflichtungen aus dem Vertrag mag es auch subtilere Auswirkungen auf das Handeln der Verwaltung geben. Bezirksamtsmitarbeiter müssen sich wohl oder übel Gedanken machen, ob es ihrer Karriere förderlich ist, unliebsame Entscheidungen zu treffen. Eine erschreckende Vorstellung.

Die Berücksichtigung von Nachbarrechten ist lästig und kostet Zeit. Die konsequente Anwendung des Baurechts kostet vielleicht die eine oder andere Wohnung. „Großzügig“ zu agieren und auch mal fünfe gerade sein zu lassen, entspricht hingegen dem Geist des „Vertrages für Hamburg“ und hat für die Verwaltung eigentlich nur Vorteile. Vom Chef, bis in die höchste Etage, gibt es noch ein Lob obendrauf.

Zweifellos ist die Schaffung von Wohnraum in Hamburg sinnvoll und nötig, das Wohnungsbauprogramm zu Recht ein Kernanliegen des Hamburger Senats. Die rechtlich gebotene objektive und ergebnisoffene Prüfung von Bauanträgen aber darf dabei nicht zur Disposition stehen.

Im konkreten Fall Beim Farenland 42-46 wurde für ein paar hundert Euro Prämie das Baurecht verletzt, wurden über 100 Nachbarn brüskiert und wurde, den Interessen der Investoren und des Wohnungsbauprogramms folgend, eine Naturzerstörung in einem Ausmaß genehmigt, die bei maßvoller Bebauung unter Einhaltung des Baurechts nicht nötig gewesen wäre. War es das wert?

 Bildnachweis: Michael Grabscheit / pixelio.de

Baumhaus und Eichhörnchen

Kein Tier und kein Baum wird verdrängt dank Plan B!

Seit Olav Henry Dohrn, gemeinsam mit Deniz Karaday Eigentümer der Grundstücke Beim Farenland 42-46, am 18.12.2014 in seinem Kommentar proklamierte „Kein Tier und kein Baum wird verdrängt…“, zermartern wir uns das Hirn, wie das bei einer vollständigen Rodung gehen soll. Werden die weit über 100 Bäume etwa gar nicht gefällt, sondern nur kurz beiseite gestellt? Werden die Tiere ausgestopft und an die zahlreichen Neubauten getackert?

Nein, die wahre Lösung („Plan B“) sieht ganz anders aus. So originell und kreativ, dass wir erst jetzt, nach langem Nachdenken und intensiver Recherche, darauf gestoßen sind. Plan B wie Baumhaus! Tolle Sache: Die Bäume bleiben stehen, und die Häuser werden dekorativ und ökologisch darin integriert. Das gibt dem Begriff „sich einfügen“ eine ganz neue Dimension. Die jungen Familien – nicht nur die Eichhörnchen – werden begeistert sein. Unglaublich! Vielen Dank für diese wunderbare Lösung!

Bildnachweis: Baumhaus © Rike / pixelio.de